
Jehona Kicaj
» ë
| Autorin: | Jehona Kicaj |
| Titel: | ë |
| Ausgabe: | Wallstein Verlag, 3. Auflage 2025 |
| Erstanden: | antiquarisch |
Wohin führt uns Jehona Kicaj mit ihrem Debütroman, der den Titel »ë« trägt?
Das »ë« ist ein Buchstabe aus dem albanischen Alphabet, der eine wichtige Funktion hat, obwohl er häufig gar nicht ausgesprochen wird. Und die Vermutung ist schon richtig, es geht in diesem Roman auch um Sprache und das Sprechen selbst.
Als Kind ist die namenlose Ich-Erzählerin in den 90er Jahren mit ihren albanischen Eltern aus dem Kosovo nach Deutschland geflohen. Hier geht sie in den Kindergarten, in die Schule und später auf die Universität. Jetzt hat sie gerade ihr Lehramtsstudium beendet.
Das hört sich alles einfach an, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Sie erzählt von ihrer Identitätssuche, vom Kosovokrieg 1998/99, den sie aus der Distanz erlebt. Vom Schweigen über den Krieg, von den unterschiedlichen Wahrnehmungen des Krieges in Deutschland und den Gefühlen derjenigen, deren Freunde und Verwandte am Krieg teilnehmen. Sie erzählt nicht chronologisch, sondern blickt zurück, erinnert sich und beschreibt damit ihre Kindheit, Jugend und das Erwachsenwerden – immer fragmentarisch. So liest sie in ihrem Grundschulzeugnis: »Du hast keinen Grund, ängstlich zu sein« (S. 15) und die Erzählerin ergänzt aus heutiger Perspektive, dass die Klassenlehrerin sich 1999 nicht vorstellen konnte, »wie viele Gründe es damals gab, Angst zu haben.« (S. 15). Alle Kinder sollen für einen Steckbrief ein Babyfoto mitbringen, aber ihre Mutter hat keines und sagt: »Ach, die sind doch alle verbrannt.« (S. 32). So kann sie nur ein Foto mitbringen, auf dem sie schon drei Jahre alt ist. Die Grundschulkinder lachen sie aus und die Erzählerin kann erst später begreifen, »dass das fehlende Bild für den Versuch meiner Auslöschung stand.« (S. 32).
Ihre Lehrerin ist ahnungslos, die Erzählerin soll ein Lied auf serbokroatisch vorsingen, das kann sie nicht, weil sie albanisch spricht. Das durchschaut die Lehrerin nicht. Ebenso verhalten sich ihre deutschen Mitstudierenden, mit denen sie eine Seminarreise in den Kosovo macht. Zum Abschluss soll dem Seminarleiter ein kleines Geschenk überreicht werden, aber die Ich-Erzählerin lehnt dieses Geschenk ab und erklärt, »weil es etwas mit uns macht, wenn Geschenke, die an eine Reise in den Kosovo erinnern sollen, mit serbischen Symbolen und kyrillischer Schrift versehen sind.« (S. 124). In Rückblicken erinnert sie an den Kosovo-Konflikt, an die Verbrechen der serbischen Einheiten an der albanischen Bevölkerung und an den umstrittenen NATO-Einsatz, der ohne Mandat der Vereinten Nationen stattfand und von dem damaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer massiv unterstützt wurde. So berichtet sie vom 13. Mai 1999. Die NATO führte mit Unterstützung Deutschlands eine Kampagne von Luftangriffen durch, um den jugoslawischen Präsidenten Slobodan Miloševic dazu zu zwingen, sein gewaltsames Vorgehen gegen die albanische Bevölkerung zu beenden, die NATO bedauerte »zufällige zivile Opfer« (S. 90). Dazu klärt die Erzählerin auf: Die Zivilisten, die nach Albanien fliehen wollten, wurden von serbischen Streitkräften über Nacht in einer Scheune eingeschlossen und in der Nacht wurde »diese Scheune von den Bomben der NATO getroffen.« (S. 91). Eigene Familienmitglieder konnten dieser Situation gerade noch entkommen.

Darüber herrscht Schweigen, ebenso über die Schmerzen derer, die Familienmitglieder verloren haben – auch in Deutschland herrsche dieses Schweigen und Unwissenheit über das Land Albanien und den Kosovo Krieg, so die Ich-Erzählerin. Und daher steht in diesem Roman das Unausgesprochene im Vordergrund. Auch die Ich-Erzählerin ist sprachlos, sie leidet unter Bruxismus unter unbewusstem Aufeinanderpressen und Knirschen mit den Zähnen – vor allem nachts. Was dürfte der Grund sein? Traumata und Verdrängung? Sie will sich zusammenreißen, beißt die Zähne aufeinander und erklärt: »Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.« (S. 11).
Die deutsche Sprache lernt sie als Kind aus dem Fernsehen, sie beobachtet die Mundbewegungen und spricht die Wörter nach. Als Erwachsene stellt sie fest: »Wenn ich Deutsch spreche, habe ich das Gefühl, mein Kiefer müsste sich verrenken, um die Wörter auszusprechen, sie richtig zu betonen.« (S. 73). Suche nach Identität? Selbstkontrolle? Sprache ist das wichtigste Mittel, um mit der Außenwelt, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Die Ich-Erzählerin sagt aber oft nichts, auch wenn es etwas zu sagen gäbe. Sie frisst vieles in sich hinein. (vgl. S. 68). Gründe könnten sein: Konfliktvermeidung, Harmoniebedürfnis, Angst vor Ablehnung oder mangelndes Selbstwertgefühl. »Ich spreche eine Sprache, die in Deutschland konserviert wurde; ein eingefrorenes Albanisch, das ich in meinem Mund warm halte.« (S. 78).
In diesem Roman steht die Sprache im Vordergrund, alles wird aus der Sprache heraus entwickelt und die zerstückelte Geschichte der Herkunft der Ich-Erzählerin wird wieder zusammengesetzt. Es handelt sich um einen sehr poetischen und vielfältigen Text, in dem immer wieder als Metapher der Buchstabe »ë« genannt wird.
»Als Roman steht »ë« für einen universellen Diskurs um Menschenrechte, Menschheitsverbrechen, Gewalt- wie Kriegserfahrungen und -traumata; und nicht zuletzt für die zersplitterten Identitäten von Menschen, die Unrechtssystemen, ihrer Gewalt und Unterdrückung ausgeliefert sind«. Quelle
Unbedingt lesen, auch um Vergessenes zu erinnern!
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Margret Hövermann-Mittelhaus
2026 rezensiert, Albanien, Erinnern, Identität, Jehona Kicaj, Kosovo Krieg, Sprache, Vergessen, Wallstein Verlag
