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Ingvarsson

Hau­kur Ing­vars­son
» Novem­ber 1976

Autor:Hau­kur Ing­vars­son (Island, 1976)
Titel:Novem­ber 1976
Aus­gabe:Edi­tion Ruge­rup, 2016
Erstan­den:Signier­tes Exem­plar, dank des Pan­ke­buchs, Berlin

IngvarssonDas ist ein sehr wit­zi­ges Roman­frag­ment über die Zeit, als das Fern­se­hen nach Island kam – und was sich damit veränderte.

TV gab es zuerst (nur) am US-Stütz­punkt Kefla­vik. Die­ses sog. »Ami-Fern­se­hen« lief immer­hin bis 1974, was danach kam schien nur gra­du­ell bes­ser und weit­ge­hend US-beein­flusst, wie die ein­ge­streu­ten Aus­züge des islän­di­schen Fern­seh­pro­gamms des Jah­res 1976 zei­gen. Wobei der Streit um die US-ame­ri­ka­ni­sche Beset­zung Islands immer exis­ten­ti­el­les Gewicht hatte – die Befrei­ung von der däni­schen Kolo­ni­al­herr­schaft war schließ­lich nicht allzu lange her.

Was nun das Fern­se­hen mit den Men­schen macht, schreibt Ing­vars­son bril­li­ant: »Vor­stel­lun­gen von Nähe und Ferne ver­än­der­ten sich rasant.« Sogar der trau­rige End­punkt eines Ehe­krieges und einer geschei­ter­ten Eman­zi­pa­tion gehö­ren hier dazu: Mit dem Fern­se­her zer­platzt die Ehe.

Das Buch über­rascht mit prä­zi­sen Licht­blit­zen aus dem All­tag des Lan­des, aber auch der (ehe­ma­li­gen) Kolonial­­macht Däne­mark und dem (eher nega­ti­ven) Ein­fluss des Fern­sehens dar­auf. Es berührt mit selt­sam poe­ti­schen Sze­nen, wenn der »zwi­schen Baum und Borke« und mit zer­strit­te­nen Eltern lebende Junge Þórud­dur alleine im Land unter­wegs ist. Wilde Ehe­szenen, das Schei­tern von Eman­zi­pa­ti­ons­be­mü­hun­gen, Schwarzmarkt­geschäfte mit US-Sol­da­ten und Diplo­ma­ten (»Zu jener Zeit war es auf Island ein­fa­cher, Atom­waffen zu beschaf­fen, als einen Farbfern­seh­er.«) und die Ver­geb­lich­keit einer islän­di­schen Ehe brin­gen Span­nung in die eigen­ar­tige Stim­mung, die »Novem­ber 76« ver­mit­telt. Eine inten­sivste Schil­de­rung, was es heißt, geliebte Men­schen zu ver­lie­ren. Und »Schnee im Fern­se­hen« bekommt eine alte/neue Bedeu­tung, das ken­nen heu­tige »Digi­tal­men­schen gar nicht mehr (ein schlech­tes Anten­nen­si­gnal erzeugte Stö­run­gen imTV-Bild, die wie Schnee­fall wirkten).

Ingvarsson-Widmung
Pas­send: Die Buch­wid­mung Ing­varsson in mei­nem Exemplar

Span­nende Bli­cke in ein Stück sich ent­wi­ckelnde islän­di­sche (Un-)Kultur, was manch­mal unter dem Stol­pern des Erzähl­flusses lei­det. Wo aber gleich­zei­tig die alte islän­di­sche Kunst des Erzäh­lens immer mehr her­vor­kommt, sich Träume mehr und mehr mit der Rea­li­tät ver­mi­schen. Und deut­lich wird: Islän­der müs­sen her­un­ter von der Insel und sich in der Welt bil­den, ein Tenor, den man in nahezu jedem Roman von der Insel findet.

Die­ser Erst­ling des Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers und Radiomo­derators einer Kul­tur­sen­dung, Hau­kur Ing­vars­son, gehört sicher nicht zu den ganz gro­ßen Schöp­fun­gen islän­di­scher Erzähl­kunst, zu den amü­sant les­ba­ren und nicht ganz unwich­ti­gen gehört er allemal.

Lesens­wert

2016 rezensiert, Fernsehen, Haukur Ingvarsson, Island, Kultur, US-Stützpunkt