
August Strindberg
» Am offenen Meer
| Autor: | August Strindberg (Schweden, 1890) |
| Titel: | Am offenen Meer |
| Ausgabe: | Georg Müller in München, 1908/1923 |
| Erstanden: | Antiquarisch vom Landbuchhandel Kross, Bippen |

Geblendet mit der Liebe zu skandinavischen Autoren und verlockt durch das Angebot des Antiquars mit der Strindberg Ausgabe des großen deutschen Verlegers Georg Müller, »verdeutscht von Emil Schering, gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig in Didot-Antiqua und nach Entwurf von Paul Renner bei H.Fikentscher in Leipzig gebunden« – wer könnte da widerstehen?
Und es fängt so schön an, geradezu elegisch-expressionistisch taucht der Autor in die Schönheit des Stockholmer Schärengartens mit dem sich als Universalgelehrten fühlenden, nun als Fischmeister fungierenden 50-jährigen Axel Borg. Um alsbald mit fragwürdigen philosophischen Ergüssen (die Natur als feindlicher Untergebener?!) die Stimmung zu töten. Die Idylle währt ein knappes Drittel des Romans, da taucht die begehrenswerte Frau auf, die Borg in die Niederungen des Geschlechtstriebes führt.
Um dann im folgenden eine Menschen- und Frauenverachtung, ein hierarchisches Gesellschaftsbild (sieben gestaffelte Menschenränge, Frauen in der zweituntersten) auszudrücken, dass sich die Tasten schier sträuben: » … der beständige Größenwahn, in dem Jugend und Frauen leben«; das Weib, das nur eine Mittelform zwischen Mann und Kind ist (S. 52), Das Weib, das dem Manne untertan zu sein hat, ihn aber mit geschlechtlichen Lockungen zu verderben sucht; Familien-, Häuslichkeits- und Geschlechtstrieb ablegen und die Vermehrung anderen »Reproduktionstieren« überlassen, etc; Frauenhass, dass es rauscht. Oft unfassbar mit welchen Worten dem Lauf gelassen wird, mitunter noch gebrochen von Erinnerungen an weibliche Lieblichkeit, Weichheit und versöhnende Gefühle.
Der eigentlich kluge, aber psychopathische Borg kann nicht mit seinen Mitmenschen umgehen, die er sich, statt ihnen nachhaltiges Fischen zu erklären, zum Feind macht. Geschweige denn mit Frauen, als die 34-jährige Maria auftaucht, wird er hin- und hergerissen zwischen Verliebtheit, Sexualtrieb (dem »niedrigsten aller Triebe« laut Autor) und dem Drang, die Frau zu besitzen (Originalton). Und dem Angewidertsein der Verderbtheit, dass sie sich nicht zum absoluten Untertan machen lässt und sogar mit einem deutlich jüngeren Assistenten flirtet. Als Mann kann man offensichtlich – so scheint hier dier Logik Strindbergs – nur ein Arsch sein. Nachdem Borg – endlich – mit Maria geschlafen hat, geht er alleine zu einem Marineball, taucht nie wieder bei ihr auf – und verbrennt ihren Brief an ihn!
Borgs Gefühl allen Menschen grenzenlos überlegen zu sein, isoliert ihn schließlich völlig (niemand ist gut genug für ihn), treibt ihn in die absolute Verschrobenheit (mit Lachgasräuschen!), er gibt sein Amt auf, verwahrlost und, mittlerweile völlig allein, geht er in den Tod. Ein reichlich abgedrehtes Buch, mit dem Strindberg nicht nur seinen Ruf als manischer Frauenhasser bestätigt (vgl. gelesen im Juno 2016, »Beichte eines Toren«), sondern auch noch seine Menschenhasserei ausdrückt. Ein Buch, trotz expressionistisch-begeisternder Beschreibungen in erster Linie ein Zeugnis eines untergegangenen völlig verqueren Menschenbildes.
Schwer zu ertragendes literarisches Zeugnis
2017 rezensiert, August Strindberg, Frauenverachtung, Schweden, Sexualtrieb, Stockholm
