Miep Gies
» Meine Zeit mit Anne Frank
| Autor: | Miep Gies (Niederlande, 1987) |
| Titel: | Meine Zeit mit Anne Frank |
| Ausgabe: | Scherz Verlag 1987 |
| Erstanden: | Antiquarisch vom Landbuchhandel Kross, Bippen |

Das ist das ergreifende Buch der in Wien geborenen Niederländerin Miep Gies, die zusammen mit ihrem Mann Henk die Familie Anne Franks in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckt hat. Bis die Nazischergen aufgrund eines Spitzels diese 1944 entdeckten, in die KZs verschleppten, was nur der Vater Otto Frank (im KZ Auschwitz) überlebte. Ein Beispiel stellvertretend für 20.000 holländischer Landsleute, die halfen ihre Mitbürger vor dem Holocaust zu bewahren.
Die Autorin erzählt mit der Hilfe von Alison Leslie Gold, wie sie Vater Frank als Chef (Filialleiter in NL) kennen- und schätzen lernte. Wie ihr eigener (Wiener) Pass wegen der Weigerung einem Naziverein beizutreten ungültig gestempelt wird und sie nur unter größten Schwierigkeiten heiraten kann. Wie die deutsche Herrschaft nach Überfall und Besetzung der Niederlande ab 1940 mit einer Flut von Verordnungen Stück für Stück das Leben der jüdischen Bürger unerträglich machte, förmlich erstickte. Wie die Nazis den geheiligsten aller niederländischen Grundsätze pulverisierten, das strikte Verbot, irgendwelche Unterschiede zwischen Menschen zu machen.
Wie die Franks 1942, nach der Einführung des Judensterns, untertauchen mussten und fortan in drangvoller Enge, tagsüber möglichst lautlos versteckt bleiben mussten. Dass Miep versuchen muss, die immer schlechteren Nachrichten über Nazi-Siegeszüge nicht an sich herankommen zu lassen; so die jahrelang verschleppte Invasion der westlichen Alliierten. – Anne, die unter einer ungeheueren nervlichen Belastung, wie wild (nicht nur) Tagebuch schreibt, für das Papier unter Kriegsbedingungen so schwer zu beschaffen war. Die in einer stetig schlechteren Versorgungslage lebt, wo Miep und Helfer (stets vom Gestapo-Terror bedroht) Essen für mittlerweile sieben (!) Untergetauchte beschaffen müssen. Wo Miep es gelingt, nach Verhaftung und Deportation der Franks alle Aufzeichnungen Annes zu retten, nur ein Freikaufversuch unter Lebensgefahr scheitert. Anne und ihre Schwester Margot sterben wenige Woche vor Kriegsende an Typhus im KZ; nur einer von 20 Deportierten hat überlebt, aber 1/3 der Untergetauchten. – Wo fast ganz Europa befreit wird, nur die Niederlande bleiben bis kurz vor Schluss besetzt, eine Katastrophe in Versorgung und Lebensumständen für die Bewohner, täglich verhungern Menschen mitten auf der Straße in Amsterdam. – Miep gibt dem zurückgekehrten Vater die Aufzeichnungen seiner Tochter, die – zunächst gegen seinen Willen – publiziert und dann von ihm ins Englische übersetzt werden, Film und Theaterstück folgen. Miep Gies braucht lange, bis sie das lesen kann; es ist ihr dabei, als spräche Anne zu ihr. Wer sie verraten hat, will sie nicht wissen. Weder Gottesglaube noch Hinrichtungen können das Unrecht der Nazibesatzung wieder gut machen. Ein gut illustriertes Buch über Helden im Alltag des faschistisch besetzten Europas, außerordentlich bemerkenswert.
Ein hochaktuelles Buch, wenn man sieht, wie die braunen Gesellen im neuem AfD-Gewand sogar in deutschen Parlamenten pesten dürfen.