
Gustave Flaubert
» Madame Bovary
| Autor: | Gustave Flaubert (Frankreich, 1856) |
| Titel: | Madame Bovary |
| Ausgabe: | Rütten & Löning, Schuber, 1963, |
| Erstanden: | Antiquarisch – gelesen mit dem Literaturclub Hopsten |

Nach Sicht eines grottigen Films (2014), erstand ich antiquarisch eine wunderschöne Schuber-Ausgabe, illustriert von Wilhelm M. Busch. Es kostete noch 3 Anläufe, bis ich in dieses Meisterwerk »hineinkam« . Sicher auch, weil man von vornherein weiß, wie diese Frau, dieses Paar, in der gnadenlosen Welt der bürgerlichen Provinz der Normandie Mitte des 19. Jhdts zum Abstieg, zum Tode verurteilt ist. Flaubert hält dieser Gesellschaft einen so gnadenlosen Spiegel ihrer Asozialität, Oberflächlichkeit, ihres betonharten Klassenbewusstseins vor, dass der Versuch der Staatsanwaltschaft (1857) das Erscheinen des Meisterwerks zu verhindern, wenig wundert. – Es ist die Geschichte des schrecklichen Scheiterns einer jungen hübschen Frau, im Kloster lebensfremd verzogen, den Kopf mit pseudoromantischen Sittenvorstellungen und Pseudo-Idealen aus Dienstmädchen-Romanen gefüllt. Die in der Enge der Provinz und der hohlen Ehe mit dem tumben Landarzt Carl Bovary, der völligen Langeweile und Depression verfallend, im scheinbaren Ausweg Liebe, Gefühle, Schönheit an skrupellose Miniatur-Casanovas der adligen Oberschicht – der schleimige Rudolf – und dem unreifen Juristennachwuchs verschwendet. Zitat (S. 110): »Die fleischlichen Begierden, die Sucht nach Geld, und die Schwermut der ungestillten Liebe verschmolzen so zu einem einzigen Leiden …«- So spannungsvoll, auch im erotischen Fieber vermittelt, dass man der Protagonistin ein »Halt ein!« zurufen möchte. Ein schönes, aber »lebensuntüchtiges« weibliches Wesen, ihren Mann gnadenlos im eigenen Haus betrügend, eine Frau, die nebenbei von schlitzohrigen Profiteuren ruiniert wird, in das sie ihren hilflosen Mann mit hineinzieht, mit Armutsfolgen für’s Kind. – Im Grunde ein Roman über das Leben und Scheitern von Menschen (das Ehepaar Bovary), die etwas leben wollen, was ihnen die Gesellschaft mangels Zugehörigkeit zur »richtigen Klasse« bzw. sozialer Schicht kaltlächelnd verweigert und koste es auch Existenz und Leben der Gescheiterten. Ihre aktiven Verderber, der geviefte Verkäufer Lheureux und Mittelsmann, selbst der eigentlich der Neutralität verpflichtete Notar, gelten sogar als ehrenwerte, da offensichtlich erfolgreiche Geschäftsleute. Der notorische Oberschwätzer, Schaumschläger, journalistische Misere-Begleiter, der Apotheker Homais, dessen illegale Arzttätigkeit zu den Grundlagen des wirtschaftlichen Scheiterns der Bovarys gehört. Und ohne die miserable Gifte-Verwaltung von Homais die Madame Bovary nicht so einen entsetzlichen Selbstmord hätte begehen können. Aber dieser hohle Tropf Homais bekommt am Ende sogar das Kreuz der Ehrenlegion. Ein für die restlos verlogene Moral dieser Gesellschaft und ihrer Träger kennzeichnender Vorgang. – Es ist auch wieder einer dieser mitleidlos sezierenden französischen Romane (Balzac, Maupassant, Zola), die gegenüber den großen russischen Erzählern die Kälte der Distanz zu den Hauptpersonen ausstrahlt, wenn auch – besonders in Naturschilderungen – glänzend erzählt. Ebenso wie das faszinierende Figurenpanoptikum Bovary, Homais, Lheureux, Léon, Justin, Rudolf, u.a., …
Weltliteratur, unbedingt lesen!
2017 rezensiert, Frankreich, Gesellschaftskritik, Gustave Flaubert, Provinz
