songlines-230

Bruce Chat­win
» The Songlines

Autor:Bruce Chat­wick (Groß­bri­tan­nien 2019)
Titel:The song­li­nes
Aus­gabe:Albino Ver­lag Ber­lin, 2019, eng­li­sche Originalfassung
Erstan­den:A gift from Australia
songlines-330
Cover using »Red Land­s­cape« by Fred Wil­liams; © Lynn Wil­liam Collec­tion of RCA Limited

Song­li­nes or Drea­ming tracks are cen­tral to myths and beliefy of the native Aus­tra­lian folk, the people of Abori­gi­nes. Song­li­nes must be wal­ked and besung so to hieve tge crea­tion of the world which exists under the earth. An Abori­gine should walk and sing the song­li­nes a cou­ple of times in his life and be able to name, rather sing the striking spots along these tracks. »As it was in Dream­ti­mes, when the ances­tors sang the world into existence.«

Alt­hough there are around 200 dif­fe­rent Abori­gi­nes lan­guages, sin­ging the foot­prints of the ances­tors they will under­stand each other. »So a musi­cal phrase is a map refe­rence?« »Music is a memory bank for fin­ding one’s way about the world«.

Song­li­nes might get into pro­found con­flict with road or rail­way cont­ruc­tion and it is but for the last 50 years, that these con­flicts will be tried to get sol­ved. Howe­ver while an Abori­gin wants to live in accordance with nature, the White Men is always try­ing to change and adapt the way he thinks it should be.

Alt­hough only 2/3 of the book is on Aus­tra­lia, Chat­wick mana­ges to trans­port the beauty of Abori­gine creed, impres­si­ons of its wis­dom, the cul­ture, the lan­guages of the pepole. That is, those who sur­vi­ved 250 years of white racism and genocide.

Striking and touching


B. Chat­win wid­mete einen gro­ßen Teil sei­nes Lebens noma­di­schen Völ­kern, ver­suchte sie – aus sei­ner eige­nen Ruhe­lo­sig­keit her­aus – zu ver­ste­hen. Mit Hilfe von Abori­gine nahe Freun­den, ins­be­son­dere dem Nach­kom­men eines eins­ti­gen ukrai­ni­schen Fremd­ar­bei­ters, gelingt es ihm, die Mythen, Schöp­fungs­vor­stel­lun­gen und (Teile des) Glau­bens der aus­tra­li­schen Urein­woh­ner zu ver­ste­hen. Und sie mit die­sem Buch mit­samt den gro­ßen Wider­sprü­chen zwi­schen Abori­gine-Kul­tur und »west­li­cher« Zivi­li­sa­tion dem Leser bekannt zu machen.

Die Song­li­nes sind – für Weiße unsicht­bare – his­to­risch-mythi­sche Pfade, die Ange­hö­rige eines Abori­gine Volks mehr­mals in ihrem Leben gehen, um ihnen ent­lang die Schöp­fung zu besin­gen, die nach ihrer Vor­stel­lung erst durch das Besin­gen die Welt aus ihrem »Schlum­mer« unter dem Boden her­vor­ge­bracht hat. Andere Bezeich­nun­gen wie »Drea­ming­tracks«, »Foot­prints of the ances­tors«, »Way of the Law« zei­gen die Viel­schich­tig­keit die­ser Pfade. P.13, »…as it was in Dream­time, when the Ances­tors sang the world into existence«.

Bruce-Chatwin-330
Bruce Chat­win 1968-1989 Foto von Jerry Bauer, dem Buch entnommen

Viele mar­kante Punkte ent­lang der Song­li­nes sind so etwas wie Hei­lig­tü­mer, die nicht durch Pro­fa­ni­tä­ten – wie eine Straße oder Bahn­li­nie – gestört wer­den dür­fen. Eine tief­grei­fende Dif­fe­renz zwi­schen Glau­ben der weni­gen Urein­woh­ner, die den Völ­ker­mord der bri­ti­schen Kolo­ni­sa­to­ren über­lebt haben und pro­fit­ori­en­tier­ter Kon­sum­wirt­schaft; begrenzte Rück­sich­ten auf reli­giöse und mora­li­sche Vor­stel­lun­gen der Abori­gi­nes wer­den erst seit etwa 50 Jah­ren genom­men. – Die Visua­li­sie­rung der Song­li­nes, die Abori­gine Müt­ter ihren Kin­dern in den Sand malen, war Ursprung der welt­be­rühmt gewor­de­nen Male­reien des Pintubi-Volkes.

Der Autor, ein locke­rer »Pom« (aus­tral. Spitz­name für Bri­ten) ver­mit­telt dem Leser viele Bekannt­schaf­ten auch mit aus­ge­spro­chen schrä­gen Vögeln im »Out­back«. Die »Song­li­nes sind aber auch Ori­en­tie­rungs­punkte, »so a musi­cal phrase is a map refe­rence?« »Music is a memory bank for fin­ding one’s way about the world««.

Er trans­por­tiert auch bit­tere Wahr­hei­ten, p. 158: »The edu­ca­tion pro­gram was sys­te­ma­ti­cally try­ing to des­troy Abori­gine cul­ture and to rope them into mar­ket system.«

Wie man Abori­gi­nes gerne über den Tisch zieht, wird in einer ziem­lich wider­li­chen Ver­hand­lung zwi­schen einer (wei­ßen) Kunst­händ­le­rin und einem ein­ge­bo­re­nen Mal­künst­ler deut­lich: Sie bie­tet ihm 600 $, er aber for­dert 6.000, denn er hat gese­hen, dass sie gerade in Ade­laide ein ähn­li­ches Werk von ihm für 7.000 $ ver­kauft! Hinzu kommt ein völ­lig unter­schied­li­ches Ver­ständ­nis vom Han­deln: Nicht um des Pro­fits wil­len, son­dern zu Aus­tausch und – sie han­deln ent­lang der Songlines!

Bei der Erar­bei­tung eines Lexi­kons für die Spra­che der Pin­tupi (eines Abori­gine-Volks) geht man Pflan­zen durch und notiert den Namen, die Ant­wort heißt mit­un­ter »came with white man!« Pin­tupi ist nur eine von rund 200 Aborigine-Sprachen.

indigenous-Australia-330
©Natio­nal gal­lery of Aus­tra­lia; Cover des Aus­stel­lungs­ka­ta­logs, 2017, Ber­lin www​.me​-ber​lin​.com

Im Buch ver­flicht der Autor zwei Erzähl­gänge: Die sei­nes eige­nen Noma­den­da­sein, der For­schung über nicht sess­hafte Völ­ker – und das Wer­den sei­nes wach­sen­den Wis­sens über die Song­li­nes der Abori­gine-Völ­ker. Sein Buch ist damit auch das Credo eines Ruhe­lo­sen. Chat­wick ver­steht es dabei dem Leser die Schön­hei­ten und den tief emp­fun­de­nen Glau­ben an die Song­li­nes sehr nahe zu brin­gen, ihn mit Impres­sio­nen und Weis­hei­ten einer uns frem­den Kul­tur bekannt zu machen, in eine mär­chen­haft schöne Kul­tur­welt unter­schied­li­cher Abori­gine-Völ­ker, ihrer Spra­chen ein­zu­füh­ren. Diese Völ­ker sehen ihren Lebens­zweck darin, die bestehende Welt zu bewah­ren, im Ein­klang mit der Natur zu wirt­schaf­ten, wäh­rend die Wei­ßen sie per­ma­ment nach ihren Vor­stel­lun­gen ver­än­dern wol­len, lässt Chat­wick einen Abori­gine den Dauer-Kon­flikt nen­nen. Das alles trans­por­tiert der Autor in einer ein­fa­chen und kla­ren Spra­che, deren Eng­lisch auch dem Anfän­ger zugäng­lich ist, ein Wör­ter­buch, das auch aus­tra­li­sches Eng­lisch kennt, vor­aus­ge­setzt. Auch wenn er das Buch nur zu 2/3 mit der eigent­li­chen Song­line-Geschichte fül­len kann und durch andere Rei­sesto­ries sowie anthro­po­lo­gi­sche Aus­flüge ergänzt, es bleibt i.W. eine gefühl­volle, nahe gehende Ein­füh­rung in zen­trale Merk­male des Glau­bens und der Mythen- und Sagen­welt einer uns weit­ge­hend unbe­kann­ten und von der »west­li­chen Zivi­li­sa­tion« gründ­lich dezi­mier­ten aus­tra­li­schen Urbe­völ­ke­rung, die Aborigines.

Sehr emp­feh­lens­wert

2022 rezensiert, Australien, Bruce Chatwin, Originalfassung, Picador in association with Jonathan Cape