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Sofi Oksa­nen
» Hun­de­park

Autor:Sofi Oksa­nen
Titel:Hun­de­park
Aus­gabe:Kie­pen­heuer & Witsch, Köln, 2. Auf­lage 2022

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Das Sys­tem der aus­beu­te­ri­schen Leih­mut­ter­schaft in der Ukraine ist Thema des Romans ›Hun­de­park‹, der heute noch betrof­fe­ner macht als bei sei­ner Erst­ver­öf­fent­li­chung 2019.

Hel­sinki 2016: Die Prot­ago­nis­tin sitzt auf einer Bank und beob­ach­tet eine Fami­lie mit ihren spie­len­den Kin­der und einem Hund. Eine Frau setzt sich neben sie und man erahnt sofort, dass sich hier ein Kon­flikt ent­wi­ckeln wird, der von der Erzäh­le­rin bis in die 80er und 90er Jahre zurück ver­folgt wird, um die poli­ti­sche und soziale Lage in der zusam­men­bre­chen­den UdSSR und der dann selbst­stän­di­gen Ukraine ver­ste­hen zu kön­nen. Bei die­ser Dar­stel­lung ist die Erzäh­le­rin dras­tisch real! Unter­schied­li­che Zeit­ebe­nen und Erzähl­stränge sol­len ein gro­ßes Gan­zes bil­den und hier setzt meine Kri­tik ein.

Nach­dem ich die Hälfte des Romans gele­sen hatte und immer noch auf der Suche nach dem Faden der Ari­adne war, habe ich zwar wei­ter gele­sen, aber eher unge­dul­dig, denn die Erzäh­le­rin ver­liert sich in vie­len Ein­zel­hei­ten, so dass der Span­nungs­bo­gen – es han­delt sich hier um einen Thril­ler – eher nicht trägt. Das Thema der Leih­mut­ter­schaft ist immer noch hoch­ak­tu­ell, arme mit­tel­lose Frauen wer­den aus­ge­beu­tet, um wohl­ha­ben­den, kin­der­lo­sen Ehe­paa­ren aus dem rei­chen Wes­ten den Kin­der­wunsch skru­pel­los zu erfül­len. Die Erzäh­le­rin stellt sehr prä­zise dar, wie die Kor­rup­tion und die obsku­ren Geschäfte immer wei­ter zuneh­men, wäh­rend arme Frauen ihren Kör­per ver­kau­fen müs­sen, um nicht in völ­li­ger Armut zu leben. Das wird sehr prä­zise for­mu­liert – mir feh­len hier jedoch die Emo­tio­nen, ihre Dar­stel­lung ist mir zu spröde.

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Sofi Oksa­nen (2008) © Teemu Rajala – Eige­nes Werk
Quelle: https://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​S​o​f​i​_​O​k​s​a​n​e​n​#​/​m​e​d​i​a​/​D​a​t​e​i​:​S​o​f​i​_​O​k​s​a​n​e​n​.​jpg

Dazu die Neue Züri­cher Zei­tung vom 11.03.2022:

»Die Ukraine ist für Fort­pflan­zungs­tou­ris­ten ein belieb­tes Ziel, denn hier ist die Leih­mut­ter­schaft legal, wäh­rend sie in der Schweiz oder Deutsch­land aus ethi­schen Grün­den ver­bo­ten ist. Die jun­gen Frauen, die dank dem Geld der Paare aus dem Wes­ten der Armut ent­kom­men, tre­ten in der Zeit der Schwan­ger­schaft den Anspruch auf ihren Kör­per ab: Für die 15 000 Euro, die sie pro aus­zu­tra­gen­des Baby erhal­ten, tun sie das, was ihre Auf­trag­ge­ber wünschen.

Nicht nur wird der Kör­per der Frau auf einen Brut­kas­ten redu­ziert. Son­dern es wird auch ver­trag­lich fest­ge­legt, auf was die Leih­mut­ter alles ver­zich­ten soll, um das ent­ste­hende Leben zu schüt­zen. Auf Sport, Sex, Kaf­fee, Flug­rei­sen. Das Dilemma, dass der Bauch zwar ihr gehört, das Kind darin aber ande­ren, akzen­tu­iert sich im Krieg.« (https://​www​.nzz​.ch/​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​/​l​e​i​h​m​u​e​t​t​e​r​-​i​n​-​d​e​r​-​u​k​r​a​i​n​e​-​d​e​r​-​k​r​i​e​g​-​s​t​o​p​p​t​-​g​e​s​c​h​a​e​f​t​-​m​i​t​-​b​a​b​y​s​-​l​d​.​1​6​7​3​686)

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In einem Hotel am Stadt­rand war­ten seit Mitte März dut­zende Leih­mut­ter-Babys wegen der im Zuge der Coro­na­vi­rus-Qua­ran­täne geschlos­se­nen Gren­zen auf die Abho­lung durch die aus­län­di­schen bio­lo­gi­schen Eltern.
Quelle: pic­ture alliance/dpa | Andreas Stein
https://​www​.br​.de/​k​u​l​t​u​r​/​b​u​c​h​/​s​o​f​i​-​o​k​s​a​n​e​n​-​h​u​n​d​e​p​a​r​k​-​r​e​z​e​n​s​i​o​n​-​1​0​0​.​h​tml

In fast allen Rezen­sio­nen wird die Über­set­ze­rin – Angela Plö­ger – hoch­ge­lobt. Auch hier setzt erneut meine Kri­tik ein. »Schließ­lich stürz­test du noch ein Glas hin­un­ter …« oder … »du schenk­test wie­der Glä­ser voll …« (S. 320f). Fal­sches Tem­pus oder fal­sches Verb – aber Zungenbrecher!

Aber auch noch Kitsch as Kitsch can: »… denn du warst wie eine Stern­schnuppe vom Him­mel in mein Herz gefal­len.« (S. 342) oder »Es fiel ihr schwer, Worte zu bil­den, und sie kaute auf ihnen herum, bevor sie sie aus­spu­cken konnte.« (S. 345)

Best­sel­ler? Für mich nicht!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2022 rezensiert, Geschichte, Kiepenheuer & Witsch, Leihmutterschaft, Sofi Oksanen, Ukraine