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Alia Trabucco Zerán
» Mein Name ist Estela

Autorin:Alia Trabucco Zerán
Titel:Mein Name ist Estela
Über­set­zer:Ben­ja­min Loy
Aus­gabe:Han­ser Ber­lin 2024
Erstan­den:anti­qua­risch

Mein-Name-Ist-Estela-Bild1 »Mein Name ist Estela, kön­nen Sie mich hören? Ich habe gesagt: Es-te-la-Gar-cí-a. Ich weiß nicht, ob Sie das hier auf­neh­men oder sich Noti­zen machen und ob da über­haupt jemand auf der ande­ren Seite sitzt, aber wenn Sie mich hören, wenn Sie da sind, dann will ich Ihnen einen Vor­schlag machen: Ich erzähle Ihnen eine Geschichte, und wenn ich fer­tig bin, wenn alles gesagt ist, dann las­sen Sie mich hier raus.« (S. 7). So beginnt der Roman »Mein Name ist Estela« von Alia Trabucco Zerán. Unge­wöhn­lich, gewöh­nungs­be­dürf­tig, inter­es­sant, auf­rüt­telnd! Denn die Erzäh­le­rin spricht die Lese­rin­nen und Leser immer wie­der direkt an und teilt uns so schon auf den ers­ten Sei­ten mit: »Und der Aus­gang die­ser Geschichte ist fol­gen­der (wol­len Sie das wirk­lich wis­sen?): Das Mäd­chen stirbt! Hallo? Keine ein­zige Reak­tion?« (S.7).Eine sehr unge­wöhn­li­che Erzähl­si­tua­tion, um Span­nung auf­zu­bauen. Ist Estela ver­ant­wort­lich für den Tod des Mäd­chens? Sitzt Estella im Gefäng­nis in einem Ver­hör­zim­mer? Die Erzäh­le­rin berich­tet rückwärts.

Estella stammt aus dem Süden Chi­les und tritt ihren Dienst – trotz War­nung ihrer Mut­ter – bei einer rei­chen Fami­lie in Sant­iago an. Dort wohnt sie auch, um 6 Tage in der Woche jeweils 24 Stun­den am Tag für die Fami­lie ver­füg­bar zu sein, als Haus­an­ge­stellte, nicht als »Skla­vin« oder doch? Ihr Zim­mer befin­det sich im hin­te­ren Bereich des Hau­ses, abge­trennt durch eine Schie­be­tür mit Milch­glas­scheibe. Abschließ­bar? Nein! Ein wirk­li­cher Rück­zugs­ort für sie? Nein. Für jeden Tag gibt es für sie eine Kit­tel­schürze, am Hals zu eng – ein Bild für ihr kör­per­li­ches Unbe­ha­gen. Estella ist 33 Jahre alt und wird sich um das Mäd­chen Julia, das einige Tage nach ihrem Arbeits­be­ginn zur Welt kommt, küm­mern. Jetzt beginnt Estel­las Tra­gö­die, die immer wie­der von »Abschwei­fun­gen« so nennt es die Erzäh­le­rin, unter­bro­chen wird, die aber not­wen­dig sind, um ihr Leben inner­halb die­ser Fami­lie zu beschrei­ben, die viel Geld besitzt aber keine Empa­thie. Estella wird nicht norm­ver­letz­tend oder auf­dring­lich behan­delt, sie wird aus­ge­beu­tet, und wie ein Gegen­stand behan­delt mit Arro­ganz, Des­in­ter­esse und immer her­ab­las­send. Beim Abend­essen sagt die kleine Julia: »Dem seine Gäste haben über­nach­tet.« (S. 65). »Der Señor dachte, das Mäd­chen hätte den Aus­druck von mir gelernt. Dass die Haus­an­ge­stellte von sei­ner Toch­ter in ihrer unmög­li­chen Spra­che, in ihrem wir­ren Dia­lekt vol­ler unrich­ti­ger Wör­ter sprach.« (S. 65). Estela reagiert laut­los, schweig­sam. Aber sie spürt Wut. »Drei Buch­sta­ben, wei­ter nichts. Und trotz­dem stand meine Brust in Flam­men.« (S. 67).

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Mit ihrem Debüt­ro­man „Die Dif­fe­renz“ über die Fol­gen der Pino­chet-Dik­ta­tur war Alia Trabucco Zerán für den Inter­na­tio­nal Boo­ker Preis nomi­niert. ©?Lorena Pala­vecino | Quelle

Die Eltern sind reich und sehr ehr­gei­zig, die­sen Ehr­geiz über­tra­gen sie auf ihre Toch­ter, die mit drei Jah­ren eine Auf­nah­me­prü­fung an einer Pri­vat­schule macht. Gemein­sam fah­ren sie dort­hin, »der Vater, die Mut­ter und in der Mitte das blei­che Mäd­chen mit den zer­kau­ten Fin­ger­nä­geln.« (S. 111). Die Auf­nah­me­prü­fung besteht sie, aber im Anschluss hat sie einer Mit­schü­le­rin in den Arm gebis­sen. »Das Mäd­chen hatte die Lek­tion sei­nes Vaters allzu gut ver­stan­den: Um Erste zu wer­den, müs­sen andere hin­ter einem zurück­blei­ben. Der Psy­cho­loge emp­fahl eine The­ra­pie.« (S. 111). Aber immer wie­der wird von Julia nur immer mehr gefor­dert. Jetzt soll sie Kla­vier spie­len, ein Kla­vier wird gekauft und Julia davor­ge­setzt. Aber am Vor­mit­tag sitzt das Mäd­chen in der Schule und fängt plötz­lich im Unter­richt an zu schreien. »Das Mäd­chen hatte sich einen Fin­ger gebro­chen, und es war kein Unfall gewe­sen. Es hatte ihn sich selbst gebro­chen.« (S. 114). Kla­vier­spie­len war erle­digt. Aber die Leis­tungs­ori­en­tie­rung der Eltern wächst immer wei­ter. Wie reagiert Julia? Mit Essens­ver­wei­ge­rung! Und ihre Ein­sam­keit wird immer grö­ßer. Die Eltern reden nicht mit Julia und auch nicht mit­ein­an­der über Julias Ver­hal­ten, als Lese­rin kann ich nur schau­dernd alles beob­ach­ten, was die Prot­ago­nis­tin detail­reich dar­stellt. Aber die Ent­frem­dung, Ver­zweif­lung und Sprach­lo­sig­keit wächst. »So ging es mir in die­sem Haus: So viel Schwei­gen führte zu einem Erd­rutsch.« (S. 213).

Bei die­sem Roman han­delt es sich eigent­lich um einen sehr lan­gen Mono­log, der radi­kal die sub­jek­tive Per­spek­tive Este­las zeich­net. Die Dis­kri­mi­nie­rung und die Macht­ver­hält­nisse in Chile ste­hen im Vordergrund.

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Die Stra­ßen der Stadt sind zum Wun­der­block gewor­den, der die Fik­tion eines ande­ren, bes­se­ren Lebens ver­han­delt. Foto: Phil­ipp Weiß | Quelle

Der Roman endet damit, dass Estela an einer Demons­tra­tion gegen die soziale Unge­rech­tig­keit teil­nimmt. Für sie ist der alte Spon­ti­spruch der 68er Rea­li­tät gewor­den: Das Pri­vate ist poli­tisch. Immer wie­der hatte sie wäh­rend ihrer Arbeit als Haus­an­ge­stellte gedacht: »Nein, nein. Das konnte nicht das Leben sein.« (S. 162). Jetzt ist sie eine unter vie­len Demons­trie­ren­den. »Ich rannte, wie ich nie zuvor gerannt war. Die Hand, die ich so oft benutzt hatte, um zu kochen und zu waschen und zu fli­cken und zu bügeln, und die ihr hin­ge­gen nur gebraucht, um anzu­kla­gen und zu rich­ten, hielt die­sen Pflas­ter­stein fest umklam­mert zwi­schen den Fin­gern. … den ich mit einer über­wäl­ti­gen­den Kraft von mir warf.« (S. 238). Estela wehrt sich das erste Mal in ihrem Leben, auch für ihre Mut­ter, die genau wie sie ihr Leben lang gewischt und geputzt hat.

»Die Eltern (Julias) sind Nutz­nie­ßer eines Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus ohne soziale Rück­sicht­nahme, den die bis 1989 herr­schende Mili­tär­dik­ta­tur ein­ge­führt hat. Seit­her herrscht ein unbarm­her­zi­ger beruf­li­cher und gesell­schaft­li­cher Kon­kur­renz­kampf, der sich bis heute auch in den Fami­lien nie­der­schlägt: Es geht nur noch darum, dem gesell­schaft­li­chen Druck stand­zu­hal­ten und die Kin­der ent­spre­chend dar­auf vor­zu­be­rei­ten«. Quelle

Genau das beschreibt uns die Autorin!

Sehr lesens­wert!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2025 rezensiert, Alia Trabucco Zerán, Chile, Diskriminierung, Frauenemanzipation, Gesellschaftskritik, Hanser Verlag, Klassengesellschaft, Neoliberalismus