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Paula Fürs­ten­berg
» Welt­all­tage

Autorin:Paula Fürs­ten­berg
Titel:Welt­all­tage
Aus­gabe:Kie­pen­heuer & Witsch, Köln, 2. Auf­lage 2024
Erstan­den:von mei­ner Tochter

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Worum geht es in dem Roman »Welt­all­tage« von Paula Fürs­ten­berg? Das kann ich nicht in einem Satz zusam­men­fas­sen. Viel­leicht hier ein paar Schlag­wör­ter, es geht um: Freund­schaft, Pro­zess des Schrei­bens, Krank­heit, Schuld, Leis­tungs­ge­sell­schaft, Ord­nung, Gesund­heit, Depres­sio­nen, Bil­dung, Spra­che, Arbeit und alles exis­tiert nicht für sich allein, son­dern ist mit­ein­an­der ver­wo­ben. Und die Grund­lage für die­ses Gewebe aus Tex­ten sind Lis­ten, unter­schied­li­che Anfänge für den Roman, das ABC, Jah­res­zah­len in chro­no­lo­gi­scher Rei­hen­folge, Meta­phern und zum Schluss das »Mani­fest eurer Kör­per« (S. 302). Das hört sich kom­pli­ziert an, ist es aber gar nicht, denn Paula Fürs­ten­berg erzählt uns mit die­sen gan­zen Schlag­wör­tern gespickt eine Geschichte, die Geschichte einer Freundschaft.

Es geht um eine namen­lose Schrift­stel­le­rin (Paula Fürs­ten­berg?), die als eher kränk­lich beschrie­ben wird, denn sie lei­det seit ihrer Kind­heit an einer Art Schwin­del­er­kran­kung, für die die Ärzte aber keine Ursa­che fin­den. Aber die Erzäh­le­rin stellt fest: »Der Schwin­del kommt nur, wenn du es dir leis­ten kannst. … Dein Kör­per ver­saut dir nicht die Kar­riere, er ver­saut dir die Frei­zeit. Das ist doch bemer­kens­wert. Du hast einen neo­li­be­ral indok­tri­nier­ten Kör­per,« (S. 110). Die zweite wich­tige Per­son ist Max. Die bei­den sind zusam­men zur Schule gegan­gen, beide nur erzo­gen von der Mut­ter, zunächst groß gewor­den in der Noch-DDR, dann im Deutsch­land der Wende, beide stark geprägt von ihren Müt­ter. Max‘ Mut­ter als Intel­lek­tu­elle, die Mut­ter der Freun­din als Arbei­te­rin. Damit ist das Umfeld abge­steckt, aber »Max brauchte keine Frau Bauer, die sich für seine Gym­na­si­al­emp­feh­lung ein­setzte, er kann sich nicht erin­nern, dass das je zur Debatte gestan­den hätte. Max saß auf sei­nem Stuhl, als gehöre er zu ihm, und du, als seist du zu Gast.« (S. 31). Beide begin­nen ein Stu­dium, sie leben zusam­men, haben aber keine Lie­bes­be­zie­hung. Max wird Archi­tekt, die Freun­din Redak­ti­ons­as­sis­ten­tin. Hier erhält sie den Auf­trag Max zu por­trä­tie­ren, doch sie hat viel zu viel geschrie­ben und will nicht kür­zen. Daher kommt sie auf die Idee, über Max einen Roman zu schrei­ben. Sie kün­digt ihren Job und wird Schrift­stel­le­rin. Bis­her hatte sie gedacht, dass nur sie die chro­nisch Kranke oder Nicht-Gesunde ist, aber Max wird aus der Bahn gewor­fen, auf­grund der Nach­richt, dass sein Onkel sich umge­bracht hat. Bei Max sind schwere Depres­sio­nen die Folge. Jetzt ver­schiebt sich etwas in der Freund­schaft, bis­her hatte Max die Freun­din unter­stützt, jetzt braucht Max Hilfe.

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Paula Fürs­ten­berg 2024 | Amrei-Marie Eige­nes Werk | Quelle

Ist es daher hilf­reich über Max und seine Depres­sio­nen zu schrei­ben oder ist es nicht eher kon­tra­pro­duk­tiv? Diese Gedan­ken gehen der Freun­din durch den Kopf, eigent­lich hält sie sogar Zwie­spra­che mit der Leserin/dem Leser, ver­wirft eigene Ideen und gibt auch Max ihre Texte, um diese zu beur­tei­len, damit wird er zu einer Art Lek­tor. Er ver­bie­tet ihr auch bestimmte Aus­sa­gen – die wir aber schon ken­nen – Stich­wort Zwie­ge­spräch – zu ver­öf­fent­li­chen, denn er fühlt sich in sei­ner Per­son ver­letzt, wenn er sagt: »Das habe ich nicht gemeint, als ich dir erlaubt habe, über mich zu schrei­ben. Lass meine Fami­lie da raus.« (S. 59). Was darf sie als Autorin schrei­ben, ohne Max zu dis­kre­di­tie­ren oder auf seine Krank­heit zu redu­zie­ren? Die Erzäh­le­rin ver­zich­tet auf die Ich-Per­spek­tive und benutzt die Du-Per­spek­tive, damit wer­den wir die Leserin/der Leser ein­ge­bun­den und haben das Gefühl, der Erzäh­le­rin jeweils über die Schul­ter schauen zu können.

Das Thema Krank­heit steht im Vor­der­grund des Romans, sie wird aus per­sön­li­cher Sicht betrach­tet, aber auch als gesell­schaft­li­che Erschei­nung. Das ist erst mal keine neue Erkennt­nis, denn 40 Pro­zent der Bevöl­ke­rung in Deutsch­land haben eine oder meh­rere chro­ni­sche Erkran­kun­gen, d.h. Gesund­heit ist keine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Und jetzt kommt das beson­dere die­ses Romans: Paula Fürs­ten­berg ver­sucht zu erklä­ren, wie wir gesund blei­ben oder warum wir krank wer­den und schaut dabei auf gesell­schaft­li­che und per­sön­li­che Struk­tu­ren. So will sie die kör­per­li­chen und psy­chi­schen Krank­hei­ten nicht von ein­an­der tren­nen, denn das eine kann das andere bedin­gen. Die Autorin betont, dass auch struk­tu­relle Gege­ben­hei­ten krank machen kön­nen, Luft­ver­schmut­zung, Lebens­ver­hält­nisse, Arbeits­be­din­gun­gen. Zur Unter­stüt­zung ihrer eige­nen Argu­mente zieht sie auch wei­tere Per­sön­lich­kei­ten zu Rate, Susan Son­tag, Siri Hust­vedt oder Vir­gi­nia Woolf, die über das Thema Krank­heit geschrie­ben haben und Susan Son­tag behaup­tet, dass die Nut­zung von Meta­phern kranke Men­schen stig­ma­ti­siere. Das sieht auch Paula Fürs­ten­berg so: »Du wünscht dir eine Lite­ra­tur, die den Kör­per nicht wie einen alten Leder­fuß­ball vor sich her stößt. Du wünscht dir eine Spra­che, die den Kör­per nicht als Kriegs­geg­ner begreift. … Du bist so tap­fer, auch die­ser an Kranke gerich­tete Satz ent­stammt der Kriegs­metaphorik.« (S. 169). Die Autorin kri­ti­siert nicht nur die Spra­che, son­dern schöpft auch neue Begriffe, wenn sie nicht von einer »Ärz­teo­dys­see«, son­dern von der »Sisy­phee« spricht, die das glei­che bedeu­ten soll.

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Pro­dukt­be­schrei­bung des Ver­lags | Quelle

Zum Schluss for­mu­liert sie ein »Mani­fest eurer Kör­per«, ins­ge­samt 63 Punkte, zwei möchte zitieren:

  • »57. Ein Kör­per sagt, es ist ein Fakt, dass es hier­zu­lande jeden Tag einen Tötungs­ver­such an einer Frau gibt, jeden drit­ten Tag geht er töd­lich aus. Es ist auch ein Fakt, dass die Medi­zin­ge­schichte weib­li­che Kör­per jahr­hun­der­te­lang igno­riert hat. Eine Poli­tik des Kör­pers wäre femi­nis­tisch.« (S. 308).
  • »61. Ein Kör­per sagt, es ist ein Fakt, dass Armut krank und Krank­heit arm macht. Arme Men­schen haben eine bis zu elf Jahre kür­zere Lebens­er­war­tung als rei­che und ein deut­lich höhe­res Risiko für Herz­in­farkt, Schlag­an­fall, Dia­be­tes, chro­ni­sche Bron­chi­tis, Osteo­po­rose, Arthri­tis, Asthma und Depres­sion. Eine Poli­tik des Kör­pers wäre eine Poli­tik radi­ka­ler Umver­tei­lung.« (S. 309).

Aber ist nicht jeder sei­nes eige­nen Glü­ckes Schmied? Nein, denn Schuld­zu­schrei­bung auf den Ein­zel­nen sei »ein Mecha­nis­mus, um von gesell­schaft­li­chen Miss­stän­den und Herr­schafts­ver­hält­nis­sen abzu­len­ken. Und um das Bild des Schmie­des über­zu­stra­pa­zie­ren: Wir haben nicht alle gleich viel Metall zur Ver­fü­gung.« Quelle

Paula Fürs­ten­berg hat ein schwie­ri­ges Thema gewählt, aber es ist ein Roman ent­stan­den vol­ler Opti­mis­mus, der die Freund­schaft aus­zeich­net und uns die Aus­wir­kun­gen von Geschichte und Gesell­schaft auf unse­ren Kör­per beschreibt.

Unge­wöhn­lich und eindrucksvoll!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2025 rezensiert, Feminismus, Freundschaft, Gerechtigkeit, Kiepenheuer & Witsch, Krankheit, Leistungsprinzip, Paula Fürstenberg