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Ange­lika Mech­tel
» Das glä­serne Paradies

Autorin:Ange­lika Mech­tel (1973)
Titel:Das glä­serne Paradies
Aus­gabe:R. S. Schulz Ver­lag, Per­cha 1973
Erstan­den:anti­qua­risch

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»Männ­li­che Autoren schei­nen gewich­ti­ger; ihre Namen sind schnel­ler parat. Wir haben die Tra­di­tion noch nicht über­wun­den, in der wir groß wur­den.« Quelle  So beginnt Ange­lika Mech­tel 1977 einen Auf­satz über Frauen im Lite­ra­tur­be­trieb. Daher hat sie sich dafür ein­ge­setzt, dass schrei­bende Frauen ins Blick­feld rücken. Sie sah sich als 68erin und Kri­ti­ke­rin der Gesell­schaft und enga­gierte sich beson­ders für Men­schen, die poli­tisch ver­folgt wur­den auf­grund ihres Schreibens.

Frank­furt 1972, Ame­lie Born, Gat­tin von Prof. Dr. Fried­rich Born, hat Geburts­tag, sie wird 60 Jahre alt und hat zur Geburts­tags­feier ins Hotel Bel­le­vue ein­ge­la­den, um mit ihren Freun­den den para­die­si­schen Zustand, den »Hauch von hei­ler Welt« (S. 9) zu fei­ern. »Er: Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor. Sie: Toch­ter aus gutem Fabrik­be­sit­zer­hause, Mut­ter zweier Söhne. Er: ehe­ma­li­ger SA-Rei­ter, wegen der Pferde. Sie: mit gern ver­schwie­ge­ner BDM-Kar­riere.« (S. 17). Sie und ihre Gäste – alles ehren­werte Leute! Das kann nicht gutgehen!

Ange­lika Mech­tel hat einen sozi­al­kri­ti­schen Roman geschrie­ben, der zum Teil auch als Krimi bezeich­net wer­den kann. Denn fast alle der zum Geburts­tag ein­ge­la­de­nen Gäste haben Dreck am Ste­cken, der unter den Tep­pich gescho­ben wer­den soll, um den äuße­ren Schein auf­recht zu erhal­ten, denn sie gehö­ren zu den obe­ren Zehn­tau­send der Stadt Frank­furt. Fried­rich Born, der ältere Sohn, ist Kapi­ta­list und geht über Lei­chen, denn er kauft insol­vente Betriebe, rüs­tet sie wirt­schaft­lich wie­der auf, indem er einen Groß­teil der Arbei­ter, vor allem die älte­ren, ent­lässt. Skru­pel hat er keine, auch nicht als sein jün­ge­rer Bru­der Michael von ihm ent­las­sen wird, die­ser hat sich näm­lich gewerk­schaft­lich orga­ni­siert. Damit passt Michael auch nicht in die Fami­lie, er hat eine soziale Ader, ist das schwarze Schaf der Fami­lie und will als Sozi­al­ar­bei­ter tätig sein. Das will seine Mut­ter unbe­dingt ver­hin­dert, was ihr natür­lich nicht gelingt, aber ihren Geburts­tags­gäs­ten gegen­über betont sie, Michael werde Sozi­al­ar­bei­ter irgendwo in Süd­ame­rika. Sie denkt sich, das sei weit weg und nicht zu überprüfen.

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Ange­lika Mech­tel auf der Frank­fur­ter Buch­messe im Okto­ber 1980 | Quelle

Oder Tante Olga, die zuhause einen lite­ra­ri­schen Salon führt mit Autoren, die alle etwas merk­wür­dig erschei­nen. »Künst­le­rin­nen aus Freude an der Kunst und andere. Alle geprägt von der Kes­sel­lage der Stadt, dem Dorn­rös­chen­schlaf, auf­ge­wach­sen mit Kate­chis­mus und Grimms Mär­chen.« (S. 65).

Unter den obe­ren Zehn­tau­send hilft man sich gegen­sei­tig: Autos wer­den nach Grie­chen­land ver­scho­ben, auch ein Unfall­wa­gen, mit dem ein Fuß­gän­ger getö­tet wurde. Ein Kri­mi­nal­in­spek­tor, der die Unfall­flucht auf­klä­ren soll, wird umge­bracht. War es Onkel Egon? Haschisch wird geschmug­gelt zur Auf­bes­se­rung des Porte­mon­naies usw. Alles wird unter den Tep­pich gekehrt, denn man kennt den Ober­bür­ger­meis­ter, den Kri­mi­nal­in­spek­tor und die Fabrikbesitzer.

Aber den­noch spürt man den Wan­del in den 70er Jah­ren. Vor allem die junge Gene­ra­tion möchte gesell­schaft­lich etwas ändern und unter­stüt­zen Willy Brandt, der das Bafög ein­ge­führt hat, eine finan­zi­elle För­de­rung für bedürf­tige Stu­den­ten. Wei­ter­hin erwei­terte die sozi­al­li­be­rale Koali­tion die Mit­be­stim­mungs­mög­lich­kei­ten der Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer in den Betrie­ben. Hier tritt vor allem der jün­gere Sohn Michael in den Vor­der­grund, wenn er ver­sucht über die Gewerk­schaft Ent­las­sun­gen zu verhindern.

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Moden­schau am 26. Mai 1965 im Zoo Gesell­schafts­haus anläss­lich der Messe Inter­stoff. © Bildband»Frankfurt am Main 1930 bis 1970« | Quelle

Ange­lika Mech­tel geht in ihrem Roman noch auf wei­tere Aspekt ein, hier die Eman­zi­pa­tion der Frau. Bri­gitte, die Frau von Michael will sich frei schwim­men und sich nicht mehr den männ­li­chen Vor­stel­lun­gen von Unter­wer­fung unter­ord­nen, dem jahr­hun­der­te­al­tem Rol­len­spiel. Sie will, »daß die Frau sich los­löst aus dem Käfig der männ­li­chen Vor­herr­schaft, daß sie begreift, nicht mehr nur Objekt zu sein.« (S. 188). Das ist für sie aber gar nicht so ein­fach, sie hat keine Aus­bil­dung, zwei kleine Töch­ter und keine finanz­star­ken Eltern im Hin­ter­grund. Aber den­noch macht sie sich auf den Weg. Die Autorin stellt uns auch die Sekre­tä­rin Monika Rabe vor, eine starke eman­zi­pierte Frau, die sich dafür ein­setzt, dass ein Spiel­platz für die Kin­der gebaut wird. Sie lei­tet die Bür­ger­initia­tive. Dar­über machen sich die Män­ner lus­tig. »Was sucht denn eine Frau dabei? will einer der Kol­le­gen wis­sen: Das ist doch nichts für euch. Eine Eman­zi­pierte. Das sagen sie abfäl­lig.« (S. 207).

Aber auch Micha­els erfolg­rei­cher Bru­der, der skru­pel­lose Kapi­ta­list, hat zur Eman­zi­pa­tion der Frau eine Ein­stel­lung: »Eman­zi­pierte Frauen, erklärte er, könne er nicht aus­ste­hen. Sie seien für die mensch­li­che Gesell­schaft völ­lig nutz­los. Sie seien zu nichts nutze. Als Ange­stellte und Arbei­te­rin­nen nicht und nicht als Freun­din, geschweige denn als Ehe­frau.« (303). Da kann ich aus heu­ti­ger Per­spek­tive nur sagen: Das wird dir noch auf die Füße fallen.

Ange­lika Mech­tel spricht viel­fäl­tige Aspekte an, sie hat eine spitze Zunge und viel Humor. Sie beschreibt eine dröge, miss­mu­tige Gesell­schaft und eine Fami­lie, die vor der Rea­li­tät weg­läuft. In ihrem Roman bekun­det sie unleug­bar ihre Sym­pa­thie mit den Schwä­che­ren, zu denen auch die Frau gehört. Ihr Roman ist poli­tisch und soll eine unmit­tel­bare und pro­duk­tive Wir­kung auf die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse haben!

Ange­lika Mech­tel schreibt Lite­ra­tur, in der die soziale Wirk­lich­keit Ein­gang fin­det und die Frauen nicht nur eine Neben­rolle spielen!

Sehr lesens­wert!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2025 rezensiert, 70er Jahre, Angelika Mechtel, Frauenemanzipation, Gesellschaftskritik, Gewerkschaft, R. S. Schulz Verlag