
Volker Weidermann
» Wenn ich eine Wolke wäre – Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens
| Autor: | Volker Weidermann |
| Titel: | Wenn ich eine Wolke wäre – Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens |
| Ausgabe: | Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage 2025 |
| Erstanden: | antiquarisch |
Wer kennt Mascha Kaléko nicht?! Hier kennenzulernen.
Volker Weidermann stellt sie uns mittels einer biografischen Skizze vor: »Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens«. Da es sich hier nicht um eine Biografie handelt, möchte ich einige wesentliche Daten ergänzen, um zu verstehen, welche Bedeutung »die Reise ihres Lebens« für sie hatte.
Mascha Kaléko wurde 1907 in Chrzanów geboren. Mit ihrer Mutter und Schwester Lea übersiedelte sie 1914 nach Deutschland, 1916 zog die Familie nach Marburg und 1918 nach Berlin ins Scheunenviertel. Hier ging sie auch zur Schule, war eine gute Schülerin und wollte studieren. Das verhinderte doch ihr Vater, der ein Studium für überflüssig hielt. Also begann Mascha eine Bürolehre im Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands. Ihr Ziel zu schreiben gab sie jedoch nie auf, 1920 lernte sie im Romanischen Café die künstlerische Avantgarde Berlins kennen: Else Lasker-Schüler und Joachim Ringelnatz. 1929 veröffentlichte sie ihre ersten Gedichte, in denen die Lebenswelt der kleinen Leute und die Stimmung im Berlin der 20er Jahre eine große Rolle spielten. 1933 wurde »Das Lyrische Stenogrammheft«, das ein sehr großer Erfolg wurde, veröffentlicht und 1936 kam ihr Sohn Evjatar in Berlin in der Bleibtreustraße zur Welt. Vater war der Musikwissenschaftler und Dirigent Chemjo Vinaver, die große Liebe ihres Lebens. Bald wurden ihre Bücher von den Nationalsozialisten verboten und Mascha musste mit ihre Familie fliehen, sie emigrierte 1938 in die Vereinigten Staaten. Aber die Sehnsucht nach Deutschland, vor allem nach Berlin und dem Savignyplatz war groß – die Angst vor den Deutschen aber ebenso, wenn nicht sogar größer. Sie hadert sehr lange mit sich, aber am Silvesterabend 1955 verlässt sie mit dem Schiff New York und jetzt beginnt:
»Die Reise ihres Lebens«

Die Reise nach Berlin und damit in die eigene Vergangenheit – Berlin war ihr Sehnsuchtsort. Den Anstoß haben Ernst Rowohlt und sein Sohn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt gegeben, denn sie haben immer wieder Briefe nach New York geschrieben, sie wollten ihr »Lyrisches Stenogrammheft« wieder herausbringen. »Und Rowohlt schrieb ihr immer wieder: »Deutschland braucht Sie.« Wie hätte sie dem dauerhaft widerstehen sollen? Sie glaubte – allen Enttäuschungen zum Trotz – an die Welt und an sich selbst«. Quelle Volker Weidermann betont immer wieder das zerrissene Leben von Mascha Kaleko. Aber – die Dichterin macht sich auf den Weg nach Europa und schreibt ihrem Ehemann: »Ich habe das Gefühl in Europa bin ich wieder Ich.« (S. 146). In Berlin besucht sie so oft wie möglich die Theater und auch die Partys, die ihr zu Ehren veranstaltet werden. Auf der Hut ist sie schon und versucht einzuschätzen, welche Rolle die jeweils Mitfeiernden in der Vergangenheit gespielt haben. Sie weiß genau: »Sie ist in dem Land, das sie vertrieben hat, das sie ermorden wollte. Und die Mörder sind alle noch da.« (S. 64).
Hier urteilt sie aber nicht immer gerecht, stellt Volker Weidermann fest. Mascha Kaléko möchte die Wohnung in der Bleibtreustraße 10/11 besuchen, in der sie gelebt hat und ihr Sohn zur Welt gekommen ist. Natürlich (?) erwartet sie, dass die jetzigen Bewohnen ihr entgegenkommen. Aber: »Ich läute. Eine hagere Frau, etwa 40 macht auf, Dienstmädchentyp, aber sie ist die ‚Dame‘. Auf dem Boden im Nebenzimmer spielt ein Baby. Es riecht nach Windeln und Kohl und Piefkehaushalt. Die Möbel wirken portierhaft. Ich trage ihr mein Verslein vor. Sie schlägt mir die Tür ins Gesicht mit einem knochenharten ‚Nein nicht möglich.‘ Mein ‚Heimweh‘ nach Berlin ist ein bisschen gedämpft«. (S. 119). Hier kommentiert Volker Weidermann, Verachtung sei ein Selbstschutz, öffne aber keine Türen.

Wieder ist sie enttäuscht, will Berlin sofort verlassen, bleibt aber bis zum Herbst 1956. Alles das, was sie hier in Europa erlebt, schreibt sie ihrem Chemjo, manchmal mehrmals täglich. Immer wieder zitiert Volker Weidermann aus diesen Briefen, so dass wir die Dichterin auch hautnah erleben können – ihr Glück, ihre Hoffnung und vor allem ihre Ängste. Und wir erfahren, dass sie versucht, die Tradition der deutsch-jüdischen Literatur, die von den Nazis verbrannt wurde, wieder herzustellen. Aber auch das scheint nicht einfach zu sein, denn eigentlich sollte Mascha Kaléko 1959 den Fontane Preis der Akademie der Künste erhalten. Sie lehnte diesen Preis ab, denn er sollte von einem ehemaligen Nazi überreicht werden. Jetzt hätte die Akademie eine Lösung suchen können, tat sie aber nicht, sondern beschied: »So machen wir das in Deutschland. Und wenn es den Emigranten nicht passt, dann können sie ja wegbleiben.« Quelle Das war für die Dichterin eine erneute Auslöschung.
Viel hielt sie 1956 nicht mehr in Berlin, auch weil die großen deutschen Verlage kein so großes Interesse an ihrer Lyrik zeigten. Der Rowohlt Verlag wirft ihr eine »Überbetonung des Gefühlsmäßigen« (S. 199) vor. Andere, vor allem Männer, drängen sich in den Vordergrund, z.B. Günter Grass, Peter Rühmkorf, Walter Höllerer, Helmut Heißenbüttel und Hans Magnus Enzensberger. Ihnen rief sie bei einer Veranstaltung zu: »Die Männer hier fühlen mit dem Hirn.« Quelle Und Volker Weiderman zieht die Schlussfolgerung: »Ich will zeigen, wie brutal selbstgewiss dieser sogenannte Neubeginn war – und wie konsequent man die jüdische Literaturtradition ignorierte. Die Nachkriegsliteratur ist auf einem Betonfundament des Schweigens errichtet worden.« Quelle Und das uns zu zeigen, ist dem Autor gelungen!
Mascha Kaléko kehrt Ende 1956 nach New York zurück und weil die literarischen Erfolge ausbleiben, ist sie wieder Hausfrau. »Ich bin wieder Hausfrau und Mutti, koche, fege, etc.« (S. 194). An dieser Stelle hätte ich mir gewünscht, dass Volker Weidermann ein weiteres Gedicht von Mascha Kaleko zitiert hätte, denn sie zeigt hier, dass sie wie viele andere Schriftstellerinnen auch den täglichen Zerstückelungen unterworfen ist.

Die Leistung der Frau in der Kultur – auf eine Rundfrage
Zu deutsch: »Die klägliche Leistung der Frau«.
Meine Herren, wir sind im Bilde.
Nun, Wagner hatte seine Cosima
Und Heine seine Mathilde.
Die Herren vom Fach haben allemal
Einen vorwiegend weiblichen Schatz.
Was uns Frauen fehlt, ist »Des Künstlers Frau«
Oder gleichwertiger Ersatz.
Mag sie auch keine Venus sein
Mit lieblichem Rosenmund,
So tippt sie die Manuskripte doch fein
Und kocht im Hintergrund.
Und gleicht sie auch nicht Rautendelein
Im wallenden Lockenhaar,
So macht sie doch täglich die Zimmer rein
Und kassiert das Honorar.
Wenn William Shakespeare fleißig schrieb
An seinen Königsdramen,
Ward er fast niemals heimgesucht
Vom »Bund Belesner Damen«.
Wenn Siegfried seine Lanze zog,
Don Carlos seinen Degen,
Erging nur selten an ihn der Ruf,
Den Säugling trockenzulegen.
Petrarcas Seele, weltentzückt,
Ging ans Sonette-Stutzen
Ganz unbeschwert von Pflichten, wie
Etwa Gemüseputzen.
Doch schlug es Mittag, kam auch er,
Um seinen Kohl zu essen,
Beziehungsweise das Äquivalent
In römischen Delikatessen.
Gern schriebe ich weiter
In dieser Manier,
Doch muß ich, wie stets, unterbrechen.
Mich ruft mein Gemahl.
Er wünscht, mit mir
Sein nächstes Konzert
Zu besprechen.
Sehr gute Anregung, um Mascha Kaleko im Original zu lesen!
Hier weiteres über Mascha Kaleko.
Mascha Kaléko» Bewölkt mit leichten Niederschlägen – Gesammelte Gedichte
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Margret Hövermann-Mittelhaus
2026 rezensiert, Berlin, Exil, Kiepenheuer & Witsch, Lyrik, Mascha Kaléko, Nationalsozialismus, Volker Weidermann
