Delius-230

F. C. Delius
» Mein Jahr als Mörder

Autor:F. C. Delius (2006)
Titel:Mein Jahr als Mörder
Aus­gabe:Rowohl Taschen­buch, Neu­aus­gabe 2013
Erstan­den:Anti­qua­risch auf Tipp mei­ner frü­he­ren Partnerin
Delius-330
Der Titel eines poli­ti­schen, aber gleich­zei­tig span­nen­den Romans

Ein Buch wie ein Krimi über einen Jus­tiz­skan­dal der spä­ten sech­zi­ger Jahre, als der Rich­ter H. J. Rehse, trotz mehr als 200 wider­recht­li­chen Todes­ur­tei­len am Volks­ge­richts­hof Freis­lers, vor dem Ber­li­ner Land­ge­richt vom Vor­wurf des Mor­des frei­ge­spro­chen wird. Ein Ber­li­ner Stu­dent empört dies der­art, dass er beschließt, Rehse als Sühne für des­sen Taten umzu­brin­gen. Als er sich mit dem Fall näher befasst, stellt er fest, dass dies nur die Spitze des Skan­dals ist. Die Witwe eines Rehse-/Freis­ler-Opfers, die Ärz­tin Anne­liese Gros­curth, wurde Jahre zuvor, bei dem Ver­such sol­ches Unrecht nicht hin­zu­neh­men, selbst Jus­ti­zop­fer. Sie wird als Amts­ärz­tin ent­las­sen, ihr wer­den die Ren­ten als Nazi­op­fer nach­träg­lich (!) aberkannt, selbst ein Pass für Aus­lands­rei­sen (zum Fach­kon­gress) wird ihr verweigert.

Ihr Mann, der Wis­sen­schaft­ler Gros­curth, war befreun­det mit Robert Have­mann und mit ihm im Wider­stand, aber Have­mann (ein­zi­ger über­le­ben­der Zeuge) wohnt nun im Osten. Womit seine Frau beim Ver­such ihren Mann vom Nazi­ur­teil zu reha­bi­li­tie­ren, zwi­schen die Müh­len von Ost und West gerät und jed­we­der Rechts­be­griff den Paro­len des Kal­ten Kriegs geop­fert wird – in Ost und West. Dabei geht Delius erbar­mungs­los mit den Mäch­ti­gen in bei­den deut­schen Staa­ten um, deckt auf, welch stin­kende Lei­chen auch die junge bun­des­deut­sche Demo­kra­tie im Kel­ler hat, z.B:

  • Das Ver­bot einer Volks­be­fra­gung (1951) über Frie­den, Remi­li­ta­ri­sie­rung und Wie­der­ver­ei­ni­gung; mit­samt der Ille­ga­li­sie­rung und dem Ver­bot aller Unterstützerorganisationen.
  • Die blu­tige Zer­schla­gung einer Jugend­de­mons­tra­tion in West-Ber­lin wäh­rend der Welt­fest­spiele in Ost-Ber­lin 1951; 132 Schwer­ver­letzte im Krankenhaus.

Dem gegen­über stellt Delius das vor allem huma­ni­täre Enga­ge­ment von Gros­curth und Have­mann in der Nazi­zeit, von den Jus­tiz­büt­teln der brau­nen Pest in Straf­ta­ten umgefälscht,was nur 10 Jahre danach in der neuen Repu­blik aus­drück­lich für »Recht« erklärt wird. Zitat Spie­gel zu die­sem Urteil: »Ein Hoch auf Roland Freis­ler… Unter Hit­ler konnte man hän­gen, erschla­gen, ver­ga­sen, erschie­ßen, absprit­zen – und dafür wird man heute natür­lich bestraft. Doch rich­ten – rich­ten konnte man unter Hit­ler ohne Fol­gen nach Hitler.«

Das alles ist – ein­ge­bet­tet in die Ori­gi­nal wie­der gege­bene Stim­mung der 68’er (mit eini­ger West-Ber­li­ner-Nost­al­gie) und eine Lie­bes­ge­schichte, aus­ge­spro­chen span­nend erzählt und es deckt dabei Unge­heu­er­lich­kei­ten der Nach­kriegs­ge­schichte, der Front­stadt-Atmo­sphäre West-Ber­lins auf, wo die alten Nazis sich genüss­lich in Staat, Poli­zei und Jus­tiz wie­der breit mach­ten. Ange­sichts des Auf­schwungs moder­ner Rat­ten­fän­ger wie Pegida und AfD ein beson­ders wich­ti­ges Buch, ein Signal für Huma­nis­mus gegen brau­nen Ungeist.

Unbe­dingt lesen!

2016 rezensiert, Antifaschismus, F. C. Delius, Historisch, Politisch, Rowohl Taschenbuch