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Atle Næss
» Edvard Munch

Autor:Atle Næss (2004)
Titel:Edvard Munch – Eine Biografie
Aus­gabe:bup Ber­lin Uni­ver­sity Press 2015, signiert vom Autor
Über­set­zung:Daniela Stil­ze­bach
Erstan­den:Pan­ke­buch in Berlin-Pankow
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Der Buch­ti­tel mit einem Selbst­por­trät von 1882

Ich bin Nor­we­gen-Fan, ich bin Munch-Fan, es ist mein fünf­tes über die­ses Genie, soviel als Vor­wort. Dies ist das akri­bischste, das lei­der trotz 70 Sei­ten Quel­len­ver­zeich­nis keine Bild­le­gende kennt. Das akri­bi­sche ist zugleich das im Ver­gleich zu einem Munch-Roman wie »Eine Liebe in den Tagen des Lichts« nüch­tern wir­kende. Das die Bezie­hun­gen Munchs zur Fami­lie (Geschwister/Tante) über­knappt und die letz­ten Jahre nur über­fliegt. Aber das sind Mar­gi­na­lien bei einer der­art monu­men­ta­len Bio­gra­fie von fast 700 Sei­ten. Was für eine Fleiß­ar­beit, die den­noch weni­ger Gefühle als roman­hafte Munch-Titel weckt.

Die den lan­gen müh­sa­men Weg des frau­en­scheuen, bet­tel­ar­men, alko­hol­ge­neig­ten, aus­ras­ten­den, zusam­men­bre­chen­den, Nor­we­gers bis zu sei­nem künst­le­ri­schen Durch­bruch und Reich­tum mit gut 50 Jah­ren zeich­net. Ein Weg, der ohne frü­hen Skan­dal in Ber­lin, För­de­rer und Mäzene und immer wie­der Aus­stel­lun­gen in Deutsch­land, aber auch die Pari­ser Szene unleb­bar gewe­sen wäre. Wie wich­tig Deut­sche wie Max Linde, der Strumpf­fa­bri­kant Esche, Kunst­händ­ler Kas­si­rer, der Jurist Schiefler, als Mäzene, Freunde, För­de­rer und Hel­fer waren. Aber auch die Nor­we­ger Thiis, Jappe Nil­sen, Søren­sen, ohne die der Erfolg Munchs nicht die­ser gewor­den wäre. Næss ist ein Bio­graf, der sehr viel Wert auf die Inter­pre­ta­tion der Kunst­werke legt, wäh­rend man den schöp­fe­ri­schen Akt eher bei Haa­vard­s­holm, aber auch der roman­haf­ten Bio­gra­fie von Ketil Børn­stad fin­det. Aber, wenn man bei Næss sieht, das es erst 1909 eine erste Aus­stel­lung in der Hei­mat gab, erst 1910 den Durch­bruch, der ohne den Ber­li­ner Skan­dal (1892) nicht denk­bar war, wenn man aus­führ­lich zitierte zeit­ge­nös­si­sche Kri­ti­ken liest, beginnt man die­sen Aus­nah­me­mensch bes­ser zu begrei­fen. Man sieht, wer für Munch wich­tig war, wie der Bohe­mien Hans Jae­ger (»Kris­tia­nia Boheme«), der eins­tige Leh­rer und spä­tere Feind C. Krohg, aber auch andere Skan­di­na­vier wie Jonas Lie, Ibsen, Strind­berg, Ham­sun und deren Einflüsse.

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E. Haa­vard­s­holm Zau­ber­buch zu Munchs letz­ten Jah­ren; Munch Bild »Junge Frau am Strand«

Oder Munchs ewig kom­pli­zier­tes Ver­hält­nis zu Frauen, die ver­hei­ra­tete Frau Thau­low, das Zer­stö­re­ri­sche zu Tulla Lar­sen, das Distan­zierte zur Mudocci, die nicht immer aus­ge­leuch­te­ten zu sei­nen zahl­rei­chen Modellen.

Die vie­len Toten im Leben des Künst­lers, die Eltern, die kleine Schwes­ter, der Bru­der, die psy­chisch kranke Schwes­ter, sein eige­ner Ner­ven­zu­sam­men­bruch und halb­jäh­ri­gem Sana­to­ri­um­s­auf­ent­halt. Wobei eine Pro­ble­ma­ti­sie­rung von Munchs selt­sam distan­zier­tem Ver­hält­nis zur »Ersatz­mut­ter« Karen Bøl­stad, den Schwes­tern, dem Bru­der, der Nichte auf nur weni­gen Sei­ten ansatz­weise pro­ble­ma­ti­siert wird – Rück­sicht auf fami­liäre Interna?

Die ewige Finanz­not der ers­ten 50 Jahre, der ewig Getrie­bene, die Fast-Kata­stro­phe mit Tulla Lar­sen. Der selbst­mör­de­ri­sche Umgang mit Alko­hol, seine cho­le­ri­schen Aus­brü­che mit Schlä­ge­reien, Wahn­vor­stel­lun­gen incl. Ver­fol­gungs­wahn, »der Feind in Nor­we­gen«. Dann die Ruhe im Exil, Ruhe in Thü­rin­gen, die span­nungs­volle Lösung Nor­we­gens von Schwe­den, die jah­re­lange Riva­li­tät mit Vige­land um reprä­sen­ta­tive Werke in der nor­we­gi­schen Haupt­stadt. Die vie­len Land-, Wohn- und Arbeits­stät­ten wie Asgaar­d­strand, Kra­gerø, Hvitsten/Nedre Ramme, Jeløy und schließ­lich Ekely. Ein jahr­zehn­te­lan­ges unglaub­lich unste­tes Leben zwi­schen Oslo (Kris­tia­nia), Asgard­strand, Ham­burg, Lübeck, Paris, Göte­borg, Wei­mar, War­ne­münde, so dass er 1908 eine Post­karte an Schiefler unter­schreibt mit »Flie­gen­der Hol­län­der«. Zitat: »Das war wohl ein ziem­lich prä­zi­ser Aus­druck dafür, wie er sich fühlte: Wie eine ver­dammte Seele, gezwun­gen von Ort zu Ort zu segeln, ohne Ruhe zu fin­den.« Ein immer wäh­ren­des Hin- und Her bis end­lich die Eta­blie­rung, Aner­kennt­nis, Ruhm, Geld erreicht sind – auch ín Mas­sen offen­bar sogar innere Ruhe.

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Edvard Munchs Schwes­ter Inger
Munch-Bild von 1892

Ohne Atle Næss’ Werk zu kri­ti­sie­ren, das Gefühls­le­ben, die Emo­tio­nen, die innere Welt brin­gen andere Bücher wie die von Ketil Børn­stad oder Espen Haa­vard­s­holm näher, die wie­derum nicht die Distanz der Akri­bie hal­ten, die Næss aus­zeich­net, die aber auch die­ser nicht in allen Pha­sen durch­hält. Die in man­chem sehr apo­li­tisch wirkt, der deut­sche Kai­ser ver­schwin­det eben, die Nazis kom­men und beset­zen, wo bleibt Munchs Ein­stel­lung, seine Abkehr vom »Quis­ling« Ham­sun, Munchs Kon­takte und Inter­esse am Wider­stand der Norweger?

Zu knapp gehal­ten wer­den auch Munchs Schrift­zeug­nisse, wo doch seine Texte zum eige­nen »Lebens­fries« packen und sen­sa­tio­nell ver­tont von den Nor­we­gern Kari Brem­nes und Ketil Børn­stad anno 1992 die unge­bro­chene Bedeu­tung des Malers auch in der Moderne beweisen?

Jedoch diese Bio­gra­fie ist nicht nur über­voll von Details und Quel­len, sie ist auch optisch in Satz, Lay­out und Gestal­tung gelun­gen. Reich, aber nicht über­reich bebil­dert und liest sich- gut unter­teilt – auf gro­ßen Stre­cken wie ein span­nen­der Roman. Das ist genuss­reich, unter­hal­tend, lehr­reich und viel Ver­ständ­nis für einen der prä­gen­den Maler des 20 Jahr­hun­derts schaf­fend: Edvard Munch.

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Munchs Lebens­fries und seine Texte: Dazu die geniale CD von Kari Brem­nes und Ketil Børn­stad; mit dem Bild «Madonna»

Sehr lesens­wert

2016 rezensiert, Atle Næss, bup Berlin University Press, Edvard Munch, Kunst, Norwegen