
Amalie Skram
» Professor Hieronimus
| Autor: | Amalie Skram (Norwegen, 1895) |
| Titel: | Professor Hieronimus |
| Ausgabe: | Rowohlt 2016 |
| Erstanden: | Pankebuch Berlin |

Ein quälendes und dennoch gelungenes Buch darüber, wie leicht man noch Anfang des 20. Jahrhunderts in die Psychiatrie geraten konnte. Zumal als Frau, der noch weniger Selbstbestimmung zugestanden war, als einem Mann. Und wie man in einen irrwitzigen Mechanismus gerät, einzig gesteuert von einem »Halbgott in Weiß«, eben jenem Professor Hieronimus. An dessen selbstherrlicher Persönlichkeit jede Kritik abprallt und dessen Reaktionen an die Wahrheit des Uraltwitzes erinnern: Die wirklich Irren sitzen außerhalb. Mit dem perfiden Zusatz, dass sie als weibliche Malerin ohnehin außerhalb der bürgerlichen Normen steht. Und wo sich – wenigstens in der wesentlich »milderen« staatlichen Anstalt in der sie am Ende landet – die Frage stellt: Was ist eigentlich (seelisch) krank ? Was die Titelheldin Else, die wegen einer psychischen Krise (als Malerin und als Mutter) behandelt werden will, in »klassischen Irrenhäusern« erlebt, ist unglaublich und nicht immer leicht auszuhalten. Der Aufenthalt ist der reine Horror, die Zimmertür bleibt offen und sie muss den Wahnwitz wirklich irrer Mitinsassen aushalten. Die die ganze Nacht toben, Else wird ihr Hustenmittel weggenommen, ebenso wie ihre Kleidung, ihr kranker Zahn wird nicht behandelt, statt dessen hohe Dosen Morphium gegeben.
Else erlebt einen absolut blinden Autoritätsglauben des gesamten Personals und selbst ihres eigenen Mannes gegenüber dem Herrn Professor, ein Sadist, der seine Macht nutzt und wenig unterlässt, um ihre Persönlichkeit zu brechen. Jeder Kontakt mit ihrem Mann wird unterbunden, ihm gegenüber wird sie für geisteskrank erklärt, was sie überhaupt nicht ist. Der sie durch List von ihrer ganzen Familie isoliert, ihrem Sohn, der sie im Grunde erst zur Irren machen will.
Else erlebt in Hieronimus Anstalt eine Hölle, in der vermutlich jeder durchdrehen würde. Wobei der »Halbgott« auch noch versucht, die Beziehung zu ihrem Mann zu zerstören.
Gerade als sie sich wirklich aufgegeben hat, kommt die Entscheidung, erst zur Verlegung in eine wesentlich bessere staatliche Anstalt (nach 25 Tagen, die ihr wie 25 Jahre vorkommen) und dann zur Entlassung durch einen sehr widersprüchlich wirkenden Oberarzt. Ein Frauenroman, ein Psychiatrieroman, ein Buch über die entsetzlichen Halbgötter in Weiß.
Im wunderbaren Nachwort von Gabriele Haefs wird die Bedeutung von Skram erklärt und wie sie von der Frauenbewegung wieder entdeckt wurde. Und wie der Platz der Skram in der Literatur ist. Gerade weil Amalie Skram das Leiden der Else, den Irrwitz des psychiatrischen System und den Wahnwitz ihrer Leiter und Nutznießer so unerträglich genau beschreibt, ist dieses Buch gut und wichtig. Schließlich: Wie lange ist der Fall Gustl Mollath her?
Sehr Lesenswert
2016 rezensiert, Amalie Skram, Frauen, Guggolz Verlag, Norwegen, Psychiatrie
