
Herbjørg Wassmo
» Der taube Himmel
| Autor: | Herbjørg Wassmo (Norwegen, 1986) |
| Titel: | Der taube Himmel |
| Ausgabe: | Argument Verlag, 2015 |
| Erstanden: | Pankebuch, Berlin Pankow |
Der dritte und abschließende Band der großartigen Tora-Trilogie der Norwegerin Herbjørg Wassmo (vgl. hier)
Über die junge Tora von einer entlegenen Lofoteninsel, ein »Deutschenkind« mit einem furchtbaren Stiefvater.
Die Wassmo beginnt noch düsterer als in den ersten Bänden, um dann bald wieder mit ihrer ungeheuren Sensitivität zu fesseln. Dies gilt für die extrem fühlige Aufnahme der Umwelt durch ihre Tante Rachel nach ihrer Krebserkrankung. Für das fantastische Gleichnis der misshandelten, traumatisierten Tora mit einem Vogeljungen. Die treffsichere Bemerkung (S. 88) »Die Straßen waren unschöne Narben in der Welt«.
Die Rachel, der es gelingt, Tora von ihrem Trauma zu befreien und die der Krebs früh in den Tod treibt, um damit dem Ende der fantastischen Partnerschaft zu Simon, dem Gegenentwurf zu Toras widerlichem Stiefvater und seiner Hass-Ehe mit Toras Mutter. – Endlich kann sie sich Jon nähern, der sie kennenlernen will, um jemand zum Reden zu haben, naja, nicht nur; und ihre wunderschön (Frauensicht!) beschriebene sexuelle Begegnung.
Der ewig widerspruchsvolle Umgang von Toras Mutter Ingrid, die sich nicht vermag vom brutalen Henrik zu lösen; erst Rachel kann ihn – mit ihrem Tod – vertreiben. Toras Erkenntnis und Rat an den Leser: Wir sollten uns selbst so gut kennenlernen, dass wir uns trauen, in unsere innersten und finstersten Winkeln zu blicken. – Die ergreifende Trauer Simons um Rachel, das atemlose Folgen Toras düster-expressiver Gefühlswelt. Ein Buch in 36 Stunden verschlungen und – nahezu – so großartig wie die beiden Vorgänger.
Dass die Grundstimmung immer wieder düster depressiv ist, nachvollziehbar bei den Sujets und dem Leben im hohen Norden, treffsicher so gefasst (S. 243): »Der Winter musste mit planmäßiger List und harter Arbeit bewältigt werden. Das war die einzige Möglichkeit für den Polarmenschen, sich am Leben zu erhalten. Rituale mit Licht und Bewegung«.
Dennoch: Die Konstruktion der Gefühle der Tora gegenüber Simon, dem Mann der Rachel, die Tora ins Leben zurückgeführt hat, ist nicht nachvollziehbar, wenig glaubwürdig. Auch ist der Autorin einer großartigen Trilogie aus Norwegens Norden, einem beeindruckenden Frauenschicksal kein passender Abschluss gelungen, schade.
Insgesamt aber: Ein unwahrscheinlich schöner, sprachlich faszinierender Dreibänder über ein Frauenleben in den fünfziger/sechziger Jahren in der nördlichen Provinz, ein Dokument skandinavischer Schreibkunst, ein Stück fesselnd gelungener Literatur.
Auf keinen Fall verpassen
2017 rezensiert, Argument Verlag, Frauenemanzipation, Herbjørg Wassmo, Norwegen, Tora Trilogie
