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Chris­tiane Wotzka
» Hal­be­halbe –
Ein selbst­be­stimm­tes Leben in zwei Systemen

Autorin:Chris­tiane Wotzka
Titel:Hal­be­halbe - Ein selbst­be­stimm­tes Leben in zwei Systemen
Aus­gabe:ver­lag am park, Ber­lin 2025
Erstan­den:Buch­hand­lung Thaer, Ber­lin Friedenau

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Irm­traud Morg­ner, eine bekannte Schrift­stel­le­rin aus der DDR, lässt in ihrem Roman (1974) ihre Prot­ago­nis­tin Tro­ba­dora Bea­triz fest­stel­len: »Der schlimmste weib­li­che Feh­ler ist der Man­gel an Grö­ßen­wahn … um etwas Grö­ße­res zu tun, braucht man erst­mal den Mut, etwas Grö­ße­res zu wol­len.« (siehe auch hier)  Genau das fehlt Chris­tiane Wotzka nicht, beschrie­ben in ihrer Auto­bio­gra­fie »Hal­be­halbe – Ein selbst­be­stimm­tes Leben in zwei Sys­te­men«. »Aller­dings war die Neu­gier auf Neues grö­ßer, an Mut hat bei mir nie Man­gel geherrscht, auch wenn sich die­ser mit­un­ter aus Grö­ßen­wahn speiste. So sprang ich dann kopf­über ins unbe­kannte Was­ser.« (S. 87).

Was ist das für eine Frau – Jahr­gang 1956, gebo­ren in Potsdam?

Ich beginne mit dem Jahr 2023: Sie führt zwei Kaf­fee­häu­ser »Zucker & Zimt« am Schiff­bau­er­damm und in der Pots­da­mer Straße in Ber­lin. Vor­her war sie Unter­neh­me­rin und hat alles Mög­li­che orga­ni­siert, Eröff­nung von Auto­häu­sern und Shop­ping Cen­ter, Par­tys und Trom­mel­kurse – das alles im Wes­ten nach der Wende. In der DDR lernte sie Buch­händ­le­rin und hat Lite­ra­tur in der Karl-Marx-Allee und am Wer­der­schen Markt ver­kauft. Im Klap­pen­text wird gesagt: »Als Unter­neh­me­rin hatte sie meh­rere Han­di­caps: Selbst­be­wusst­sein, Frau und ostdeutsch«.

Inter­esse geweckt?

In ihrem Vor­wort betont Chris­tiane Wotzka, dass man wis­sen müsse, woher man kommt, denn sonst wisse man auch nicht wohin man gehen wird. Die erste Hälfte ihres Lebens hat sie in der DDR ver­bracht, die zweite beginnt mit dem Fall der Mauer und dem Bei­tritt der DDR zur Bun­des­re­pu­blik. »Das Leben des Ossis heißt von nun an: sich neu erfin­den und bewei­sen. Und die­ser Pro­zess wird in den kom­men­den Jah­ren zu einer kol­lek­ti­ven Erfah­rung. Das all­täg­li­che Leben in der DDR droht im Nebel des Ver­ges­sens zu ver­sin­ken. Das zu ver­hin­dern ist eben­falls ein Anlie­gen von »Hal­be­halbe««. (S. 11).

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Selbst­be­wusst und eman­zi­piert – eine Frau aus dem Osten: Chris­tiane Wotzka | Foto: Pri­vat | Quelle

So berich­tet sie uns über ihre Tätig­keit im Fei­er­abend­heim 1979 in der DDR. Ihre Ein­schät­zung: »Die Bewoh­ner zahl­ten 135 Mark pro Per­son und Monat, was trotz nied­ri­ger Ren­ten für jeder­mann erschwing­lich war. Ein sol­ches Fei­er­abend­heim stellte kein »Geschäfts­mo­dell« dar, nicht die Erlöse des Betrei­bers stan­den im Vor­der­grund, son­dern die Men­schen« (S. 61). Natür­lich geht sie auch auf die sog. Wende ein, betont aber auch, dass sie im Gegen­satz zu ihren Freun­den kein Bedürf­nis hatte, einen Aus­rei­se­an­trag zu stel­len. Auch zum Thema Wende eine sehr gute Ein­schät­zung: »Nicht nur Namen und Begriffe erfuh­ren Um-, Auf- und Neu­be­wer­tung in die­sen Tagen. Ins­be­son­dere die Werte, die bis dato wich­tig waren, unter­la­gen einer Abwer­tung … und die Volks­kam­mer­wahl stellte alle Wei­chen für die Restau­rie­rung des Kapi­ta­lis­mus im Osten Deutsch­lands«. (S. 90). In die­sem Zusam­men­hang erin­nert sie an die Stim­mung oder auch Paro­len, die schon in Ver­ges­sen­heit gera­ten sind. »Die meis­ten DDR-Bür­ger waren ein­heits­be­sof­fen. »Hel­mut nimmt uns an die Hand und führ uns ins gelobte Land«, hieß die Parole.« (S. 106).

Jetzt muss die Autorin sich durch­bei­ßen und sie beißt sich durch, trotz der drei Han­di­caps: weib­lich, selbst­be­wusst und aus dem Osten. (vgl. Klap­pen­text). Sie wird Unter­neh­me­rin, aber: »Außer mei­ner Ent­schlos­sen­heit und mei­nem Selbst­be­wusst­sein besaß das neue Unter­neh­men nichts.« (S. 114).

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Das Café Zimt & Zucker in Ber­lin Mitte | Quelle

Beson­ders in den 90er Jah­ren erlebt sie eine Reihe unan­ge­neh­mer Bekannt­schaf­ten, z.B. mit den Gerichts­voll­zie­hern oder über­grif­fi­gen Män­nern aus dem Wes­ten, die ein tra­di­tio­nel­les Rol­len­bild erwar­te­ten. Diese hat sie sofort vor die Tür gesetzt. Oder umge­kehrt ist frei­wil­lig gegan­gen, als ihr von einem Mann gesagt wurde: »Die­ses sozia­lis­ti­sche Gleich­be­rech­ti­gungs­ge­döns sollte ich ver­ges­sen. Es wäre wohl das Beste, wenn ich in den Osten zurück­kehrte.« (S. 150).

Was mir auch ganz beson­ders gefällt ist ihre Empa­thie. Einer ihrer Kun­den aus Mün­chen will Gutes tun und schickt sie nach Afrika, um eine Spende per­sön­lich zu über­ge­ben. »Noch nie im Leben hatte ich mit eige­nen Augen so unend­lich viel Armut gese­hen. Oft war ich den Trä­nen nah. Was 500 Jahre Kolo­nia­lis­mus ange­rich­tet hat­ten. Europa hatte sich berei­chert. Brecht wusste um die­sen Zusam­men­hang: »Rei­cher Mann und armer Mann stan­den da und sah’n sich an. Und der arme sagte bleich, wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.«« (S. 148).

Das Schluss­wort muss unbe­dingt Chris­tiane Wotzka haben, denn sie bringt ent­schei­dende Aus­sa­gen kurz und kapp auf den Punkt: »Ich bin und bleibe in mei­nen Grund­prä­gun­gen ein Ossi, und das bedaure ich nicht. In Mit­ar­bei­tern wie Kun­den sehe ich Men­schen und nicht Geld­ma­cher und Geld­brin­ger. Und Leute aus der Bran­che sind nicht nur Kon­kur­ren­ten, son­dern auch Kol­le­gen und Men­schen.« (S. 154).

Chris­tiane Wotzka hat sich durch­ge­bis­sen und ist nach Miss­erfol­gen immer wie­der auf­ge­stan­den. Sicher haben viele Frau etwas Ähn­li­ches erlebt. Das Beson­dere bei Chris­tiane Wotzka ist, dass sie unglaub­li­chen Mut, Cou­rage, Witz und Selbst­ver­trauen offen­bart hat.

Was hat Irm­traud Morg­ner noch­mal gesagt?

Unbe­dingt lesen und nachahmen!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2026 rezensiert, Christiane Wotzka, DDR, Emanzipation, Selbstbewusstsein, Sozialismus, verlag am park, Wende