
Elfriede Jelinek
» Die Klavierspielerin
| Autorin: | Elfriede Jelinek |
| Titel: | Die Klavierspielerin |
| Ausgabe: | Rowohlt Verlag, Hamburg 1983 |
| Erstanden: | antiquarisch |
Den Roman »Die Klavierspielerin« (1983) von Elfriede Jelinek zu lesen, ist kein Vergnügen, denn das Thema ist nicht »vergnüglich«. Warum ich den Roman dennoch gelesen habe, erkläre ich später. Denn Elfriede Jelinek hat immerhin den Literaturnobelpreis 2004 mit folgender Begründung erhalten: »Der Nobelpreis in Literatur des Jahres 2004 wird der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek verliehen für den musikalischen Fluß von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen«. Quelle
Die Sprache in diesem Roman ist sicherlich brillant, aber der Inhalt ist schockierend. Es geht um die Klavierlehrerin Erika Kohut, 38 Jahre alt, eine respektable Musiklehrerin am Wiener Konservatorium, aber eben keine weltweit bekannte Pianistin, das wäre das Ideal der Mutter gewesen. Erika lebt bei ihrer Mutter in einer Zweizimmerwohnung, sie teilen sich nicht nur die Wohnung, sondern auch das Ehebett, nachdem der Vater senil geworden ist und in einem Heim untergebracht wurde. Erikas Zimmer lässt sich nicht abschließen, ein Privatleben hat sie kaum, ihre Abende verbringt sie mit der Mutter vor dem Fernsehgerät. Und Erika lebt unter der Fuchtel ihrer Mutter. »Doch da steht schon die Mama groß davor und stellt Erika. Zur Rede und an die Wand, Inquisitor und Erschießungskommando in einer Person, in Staat und Familie einstimmig als Mutter anerkannt. Die Mutter forscht, weshalb Erika erst jetzt, so spät, nach Hause finde?« (S. 7). Erika ist 38 Jahre alt! Und die Mutter wacht argwöhnisch darüber, dass sich kein Mann zwischen sie und ihre Tochter drängt. »Die Mutter wittert schlechte Einflüsse dort, wo sie sie nicht sehen kann, und will Erika vor allem davor bewahren, daß ein Mann sie zu etwas anderem umformt.« (S. 18). Die Mutter selbst scheint keine Liebe in ihrem Leben erfahren zu haben und entwickelt sich zur beherrschenden Übermutter, die sich im gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis zeigt.
Nach außen zeigt Erika das Bild einer sehr fürsorglichen Tochter, aber innerlich ist sie tot, kann keinerlei Gefühle zeigen, sich nicht aus der Abhängigkeit lösen, auch wenn immer wieder innerliche oder auch direkte Kämpfe mit der Mutter stattfinden – Erika ist psychisch krank. So hat sie immer eine sorgfältig eingewickelte Rasierklinge in ihrer Handtasche. Damit schneidet sie sich in bestimmten Situationen in den Handrücken oder auch vor einem alten Rasierspiegel ihres Vaters in die Schamlippen, um die Öffnung zu vergrößern, wie sie sagt. »Erika sagt heute schon von sich, sie sei eine Individualistin. Sie gibt an, dass sie sich nichts und niemandem unterordnen kann. Sie ordnet sich auch nur schwer ein.« (S. 18). Erika will als Kind alles haben, vor allem das, was ihre Mitschülerinnen besitzen. Zwanghaft stiehlt sie diese Dinge, zerstört sie oder wirft sie in den nächsten Mülleimer.

Das ist alles noch relativ harmlos. Erika schaut auch Softpornos, aber relativ selten, weil sie härtere Darstellungen liebt. Sie besucht als einzige Frau einen Erotikladen oder schließt sich in Peepshow-Kabinen ein, um den nackten Frauen zuzuschauen. Oder sie geht in den Prater, um die Prostituierten bei ihrer »Arbeit« zu beobachten, sie wird zur Voyeurin. Sie hat zwar auch heimlich Männerbekanntschaften, aber die sind nicht befriedigend. »Mit Nägeln gezielt kratzte sie den Rücken des jeweiligen Gegenspielers. Sie hat nichts verspürt. Sie hat überwältigende Lust angedeutet, damit der Mann endlich wieder aufhört. Der Herr hört zwar auf, doch ein anderes Mal kommt er wieder. Erika spürt nichts und hat auch nie etwas gespürt. Sie ist empfindungslos wie ein Stück Dachpappe im Regen.« (S. 97).
Auch das alles noch harmlos in der Darstellung. Wer den Roman weiterlesen möchte, kann das gerne tun, ist aber nichts für schwache Nerven. Im Ergebnis fasse ich zusammen: Elfriede Jelinek zeigt uns eine zerstörerische Mutter-Tochter-Beziehung. Die herrschsüchtige Mutter terrorisiert ihre Tochter Erika und will sie besitzen, das alles verborgen hinter der Gutbürgerlichkeit. Erika fühlt sich immer als etwas Besseres, kann nur auf Menschen hinuntersehen, keine Gefühle zeigen und will keinem Menschen zu nahe kommen.
Dieser ganze Roman ist ein Höllentrip! Wer sich das zutraut, kann ihn lesen. Immerhin hat Elfriede Jelinek den Literaturnobelpreis 2004 erhalten. Dem kann man zustimmen oder eher Marcel Reich-Ranicki: »Das literarische Talent der Elfriede Jelinek ist, um es vorsichtig auszudrücken, eher bescheiden.« Quelle

Nun zur Beantwortung der Frage, warum ich diesen Roman gelesen habe: Weil in der Lila Villa in Chemnitz wieder eine Tafelrunde Irmtraud Morgner stattgefunden hat. Prof. Ilse Nagelschmidt hat die Mutter-Tochter-Beziehung bei Irmtraud Morgner und Elfiede Jelinek in den Vordergrund gestellt und hier besonders die Schriftstellerin Elfriede Jelinek. Und ich gestehe gleich, Prof. Ilse Nagelschmidt hat mir den Blick auf Elfriede Jelinek deutlich erweitert.
Denise Wagner, eine der Leiterinnen der Lila Villa, hat die These vorangestellt, Irmtraud Morgner sei Vertreterin der Utopie und Elfriede Jelinek Vertreterin der Dystopie. Hat Prof. Ilse Nagelschmidt dem widersprochen? Wir werden sehen. Grundsätzlich müssen wir Realität und Literatur unterscheiden, besonders bei der »Klavierspielerin«, wo es um das Mutter-Tochter-Verhältnis geht, so Prof. Ilse Nagelschmidt. Sicher seien Ähnlichkeiten festzustellen, denn Elfriede Jelinkek hatte auch keine Kindheit, hatte Angst unter Menschen zu sein, lebte in einer Art Kokon und träumte von einer Welt ohne Hierarchie. Sie war aber durchaus zum Amüsement aufgelegt, so wenn sie bei einer Theateraufführung ihres Dramas »Stecken, Stab und Stangl« mit einem Pullover erschien, genau in den Farben, in denen die Personen auf der Bühne mit einer Strickliesel strickten.

Prof. Ilse Nagelschmidt ist immer wieder auf die Sprache Elfriede Jelineks eingegangen und genau das hilft, um die Schriftstellerin besser zu verstehen. Im Gegensatz zur deutschen Literatur sei die österreichische Literatur gekennzeichnet von Sprachskepsis. Grundlage sei der berühmte Chandos Brief, dass die Welt nicht abbildbar sei. Folge: Jelinek würde die Sprache zertrümmern. Seit den 70er Jahren beginnen Literaturwissenschaftlerinnen die Frage zu stellen: Schreiben Frauen anders? Sie kommen zu dem Ergebnis, dass Frauen eine andere Selbstsicht und Außensicht haben. Prof. Ilse Nagelschmidt begründet das mit den Forschungsergebnissen von Julia Kristeva, eine bulgarisch-französische Literaturtheoretikerin, Psychoanalytikerin, Schriftstellerin und Philosophin. Sie prägte den Begriff der »Intertextualität«, betrachtet also Texte als soziales Gefüge. Im Mittelpunkt steht ihr Konzept der »poetischen Sprache«, die das logische, symbolische System durch den körperlichen, triebhaften »semiotischen« Aspekt durchbricht. Und genau das kann auf Elfriede Jelinek bezogen werden, betont Prof. Ilse Nagelschmidt.
Elfiede Jelinek wift einen bitter-bösen Blick auf unsere Gesellschaft, zerstört den Mythos der unendlichen Mutterliebe, spricht von Opfern und Tätern, und hier ist die Frau die Täterin!
Was hat das jetzt alles mit Irmtraud Morgner und dem Mutter-Tochter-Verhältnis in ihren Werken zu tun? Sicher kann der Aussage zugestimmt werden, dass Elfriede Jelinek Vertreterin der Dystopie ist und Irmtraud Morgner der Utopie. Denn die Mutterfiguren wie Laura Salman nutzen phantastische Elemente – wie Hexerei oder Verwandlung – um den einengenden Strukturen der Mutterrolle und den gesellschaftlichen Erwartungen zumindest zeitweise zu entkommen. So betont Prof. Ilse Nagelschmidt in anderen Publikationen, dass im Gegensatz zu Elfriede Jelineks destruktiven Mutterbildern Irmtraud Morgner eher versucht, weibliche Genealogien und Erfahrungen über Generationen hinweg solidarisch weiterzugeben, auch wenn dies sich oft an den patriarchalischen Strukturen der Gesellschaft reibe. Bei Irmtraud Morgner werde Mutterschaft eher als Teil einer weiblichen Gemeinschaft begriffen, daher stehe Solidarität und nicht Destruktion im Vordergrund und die Mutterfiguren seien bei Irmtraud Morgner die Motoren für Veränderung. Während es bei Elfriede Jelinek keinen Ausweg aus diesem System gebe. Die Mutter-Tochter-Beziehung sei ein geschlossener Kreislauf aus Hass, Sadismus und Unterwerfung.

So einen spannenden frei vorgetragenen Vortrag habe ich schon lange nicht mehr gehört!
Also Elfriede Jelinek und Irmtraud Morgner lesen!
Hier sind Inspirationen zu holen:
Sarah Kirsch / Irmtraud Morgner / Christa Wolf» Geschlechtertausch
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Margret Hövermann-Mittelhaus
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