Kjelland-230

Alex­an­der Kiel­land
» Jakob

Autor:Alex­an­der Kiel­land (Nor­we­gen, 1891)
Titel:Jakob
Aus­gabe:Alfred Krö­ner Ver­lag 2019
Über­set­zung:Gabriele Haefs
Erstan­den:Pan­ke­buch Berlin

Kjelland-330Es ist die Geschichte des zunächst unbe­hol­fe­nen Bau­ern­bur­schen Tør­ries Snør­te­vold, der die nor­we­gi­sche Klein­stadt, in die er kommt, zu sei­nem skru­pel­lo­sen finan­zi­el­len und gesell­schaft­li­chem Auf­stieg nutzt. Wobei die­ser moderne Jakob (Snør­te­vold) sein Ziel der bibli­schen Jakob-Ge­­schichte ent­nimmt. Gleich­zei­tig wird erzählt, wel­che enge Gren­zen die Pro­vinz Men­schen setzt, ins­be­son­dere denen aus groß­städ­ti­schen Gefil­den, der nor­we­gi­schen Haupt­stadt gar. S.81.«..hatten sie nicht ge­merkt,dass die kleine Stadt im Laufe der Jahre auch sie bezwun­gen hatte…«

Ein wich­ti­ger Punkt ist die »Ver­städ­te­rung« des Bau­ern­bur­schen, seine neue Klei­dung reißt die »inne­ren Schran­ken« in dem Laden ein, in dem er arbei­tet. Und er gewöhnt sich sein brei­tes Bau­ern-lachen ab, Kiel­land weiß genau, wie ?Stadt und Land auch an Äußer­lich­kei­ten unter­schie­den wer­den. Im gan­zen Land aber, so der Autor, herrscht Sta­gna­tion, ein nied­ri­ges geis­ti­ges Niveau, nur Geld zählt – genau das wird das Erfolgs­re­zept des Tørries.

Der moderne Jakob steigt auf, mit einem neu­ar­ti­gen Laden­kon­zept, einem Ver­leih­ge­schäft, nutzt eine dop­pelte (gegen­über sei­nem Chef) betrü­ge­ri­sche Buch­hal­tung. Er lernt vom Pfar­rer, das ein gewis­ses Bil­dungs­maß zu sei­ner gesell­schaft­li­chen Aner­ken­nung erfor­der­lich ist, dass das Bür­ger­tum aber sol­che Ideale eigent­lich ver­ach­tet. Mit stra­te­gi­scher Pla­nung, Geld und Macht erreicht Tør­ries sei­nen Auf­stieg, rui­niert andere Leute mit Gerüch­ten, über­nimmt erst den Laden, in dem er ange­stellt war, dann die ört­li­che Bank, kriegt die ganze Stadt in die Hand, nächs­tes Ziel:?Politik und Par­la­ment. Der Leser, fas­zi­niert von der Erzäh­lung, der direk­ten Spra­che, der Dar­stel­lung des oft unge­heu­er­li­chen Gesche­hens macht sich Gedanken:?Dass der Erfolg, das Geld­zu­sam­men­tra­gen des Tør­ries auf unan­stän­dige und unsau­bere Weise geschieht. Und wozu man Kin­der zur Ehr­lich­keit erzieht, wo doch offen­bar die Scham­lo­sen und die Gie­ri­gen die Gewin­ner im wirk­li­chen Leben sind.

Die Erzäh­lung war (1891) eine mehr­fa­che Provokation:?Einem über­wie­gend pro­vin­zi­el­lem Nor­we­gen einen sol­chen Spie­gel vor­zu­hal­ten, einen in die­ser Ära (Grün­der­zeit) typi­schen »Auf­stei­ger« sei­ner posi­ti­ven »Erfolgs­aura« zu berau­ben. Und eini­ger­ma­ßen offen damit umzu­ge­hen, dass Men­schen Wesen mit einer Sexua­li­tät sind (wenn er z. B. über die »fei­nen, wohl­ge­run­de­ten Brüste des Fräu­lein Thor­sen« schreibt). Das waren drei so schwer­wie­gende Skan­dal­gründe, dass der Autor fortan nicht mehr schrieb, ein sol­ches Spie­gel­bild ver­trug die nor­we­gi­sche Gesell­schaft nicht – man ver­glei­che das Schick­sal Hans Jae­gers (»Chris­tia­nia Boheme«) nur 30 Jahre später.

Ein her­vor­ra­gen­des Buch, die span­nende Geschichte eines skru­pel­lo­sen Empor­kömm­lings, schnur­ge­ra­de­aus erzählt. Und her­vor­ra­gend mit aus­führ­li­chen Anmer­kun­gen ins­be­son­dere zur bibli­schen Figur des Jakob ver­se­hen, Cha­peau an den Verlag!

Ein­fach toll!

19. Jahrhundert, 2020 rezensiert, Alexander Kielland, Alfred Kröner Verlag, Norwegen