Katharine Susannah Prichard
» Die goldene Meile (1954)
| Autorin: | Katharine Susannah Prichard |
| Titel: | Die goldene Meile |
| Übersetzer: | Karl Heinrich |
| Ausgabe: | Aufbau Verlag Volk und Welt Berlin, 1. Auflage 1954 |
| Erstanden | von meiner Tochter und ihrem australischen Lebensgefährten |

Der zweite Roman »Die goldene Meile« von Katharine Susannah Prichards beschreibt ebenso wie ihr erster Roman »Goldrausch« hier rezensiert: das Leben der bemerkenswerten Frau Sally Gough und ihrer Familie während des Goldrauschs in Westaustralien. Auch bei diesem zweiten Roman handelt es sich um einen historischen Roman, der in den Goldfeldern Westaustraliens spielt in der Zeit von 1914 bis 1927, in einer Zeit also, in der die Gruben schon industrialisiert waren und in Europa der 1. Weltkrieg tobt.
Sally Gough muss Grubenarbeiter als Untermieter aufnehmen, um über die Runden zu kommen. Dabei gilt ihre größte Sorgen ihren vier Söhnen. Der Sohn Lal will mit großem Enthusiasmus in den 1. Weltkrieg ziehen, Den möchte gerne Viehzüchter werden, Tom ist Gewerkschafter und Sozialist und setzt sich für die Interessen der Grubenarbeiter ein und schließlich Dick, der in den Gruben arbeitet und als Soldat in den 1. Weltkrieg geschickt wird. Die vier Söhne sind sehr unterschiedlich und werden in ihren Charakteren sehr genau beschrieben, ebenso wie einzelne Grubenarbeiter und die Freunde und Freundinnen der Familie. So wird ziemlich schnell deutlich, dass die Goldene Meile die reichste Goldader der Welt ist, aber wo bleibt der Profit hängen? In den Händen einiger weniger! Dies beschreibt die Erzählerin sehr ausführlich und zwar immer aus dem Blickwinkel einer Frau, die ums Überleben kämpft und für ihre Söhne durchs Feuer gehen würde.
Der Roman besteht aus unterschiedlichen Erzählsträngen. Zunächst taucht Paddy Cavan wieder auf, der sich zum Erzfeind der Familie entwickelt. Sally wirft ihn aus ihrer Pension raus, weil er in einen Golddiebstahl verwickelt ist. Darauf schwört Padddy Cavan Rache, die in welcher Form auch immer, eintritt. Immer wieder geht es in dem Roman um den Diebstahl von Gold, die Grubenarbeiter verstecken kleine Mengen in ihren Hosentaschen und die Grubenbesitzer größere Mengen in ihrem undurchschaubaren Unternehmen. Und wer wird erwischt und verurteilt, immer die Kleinen, so auch Tom, einer der Söhne. »Hinter dem Goldschmuggel stand der Kampf um Reichtum und Macht, den die Bergbaugesellschaften mit unglaublicher Skrupellosigkeit führten. Sie begnügten sich nicht damit, möglichst hohe Profite aus der Produktion herauszuschlagen und sich durch Spekulationen zu bereichern – sie opferten ihrer Gewinnsucht auch bedenkenlos unzählige Menschenleben.« (S. 597).

Tom spielt in dem Roman eine besondere Rolle, er ist Grubenarbeiter, liest in seiner Freizeit sehr viele politische Texte, z.B. Marx und Engels, und will die Arbeiterschaft organisieren. »Seit er sich mit gewerkschaftlichen und politischen Fragen beschäftigte, erschien es ihm ohnehin wichtiger, sich auf den Kampf der Arbeiter gegen das schamlose Ausbeutersystem vorzubereiten, als nach einer Stellung zu streben, die lediglich seine persönliche Lage verbessern konnte.« (S. 133).
Zunächst hat man den Eindruck, dass der Golddiebstahl im Vordergrund steht, das ändert sich jedoch mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Die beiden Söhne Lal und Dick ziehen in den Ersten Weltkrieg, Lal hat sich freiwillig gemeldet, Dick wird gegen seinen Willen eingezogen. »Lal zweifelte nicht daran, daß die Macht des Deutschen Reiches zerschlagen werden musste. Deutschland strebte nach der Weltherrschaft, also war Großbritanniens Widerstand durchaus gerechtfertigt und verdiente vollste Unterstützung.« (S. 247). Es folgen eine beträchtliche Anzahl von Kapiteln, in denen der Krieg im Vordergrund steht, aber auch der Arbeitskampf der Grubenarbeiter. So betont Tom, »daß der Krieg sinnlose Vergeudung war, entsetzlicher Wahnsinn. Oder schlimmer: er war eine der verbrecherischen Intrigen, die die Großmächte in ihrer unersättlichen Gier nach Absatzmärkten, Rohstoffquellen und Einflußgebieten anzettelten.« (S. 354).
Im kurzen letzten Erzählstrang steht Kargoola, Sallys Aborigine Freundin, im Vordergrund, die wir schon aus dem ersten Band kennen, hier hat sie Sally das Leben gerettet. Jetzt soll Kargoola von der Polizei abgeholt werden, denn die Aborigines dürfen das Stadtzentrum nicht mehr betreten. Sally empört sich: »Wir haben ihnen alles genommen, was sie besaßen. Wir muten ihnen zu, im Hinterland ein Hungerdasein zu fristen, und dabei waren wir es, die ihre Wasserstellen und Jagdgründe zerstört haben.« (S. 601).
Die goldene Meile beeinflusst das Leben aller, ob Grubenarbeiter, Aborigines oder Hausfrauen. Viele Details sind authentisch aber auch provokativ. Die Autorin zeigt hier sehr viel Empathie für die Unterprivilegierten in den Goldfeldern, zeigt aber auch Möglichkeiten auf, sich zur Wehr zu setzen.
Sehr lesenswert!
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Margret Hövermann-Mittelhaus

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