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Frau-1000-Grad

Hall­gri­mur Hel­gason
» Eine Frau bei 1000 Grad

Autor:Hall­gri­mur Hel­gason (Island 2011)
Titel:Eine Frau bei 1000 Grad
Aus­gabe:Tro­pen Ver­lag, 4. Auf­lage 2012
Über­set­zung:Karl-Lud­wig Wetzig
Erstan­den:Pan­ke­buch, Berlin-Pankow
Frau-1000-Grad
Das pas­sende Titel­bild zu die­sem Vul­kan von einem Buch! Bewun­de­rungs­wür­dig über­setzt von Karl-Lud­wig Wetzig

Ich lebe allein in einer Garage, zusam­men mit einem Lap­top und einer alten Hand­gra­nate. Wir haben es wahn­sin­nig gemüt­lich«. Gleich­zei­tig läuft schon der Ofen für die Ein­äsche­rung der 80jährigen Herb­jörg heiß – so beginnt kein Roman, son­dern ein Vul­kan von einem Buch, eine voll­kom­men irr­wit­zige und sel­ten schnodd­rige Reise durch die letz­ten 80 Jahre der Weltgeschichte.

Eine Geschichte, die die kleine Herb­jörg aus Island über Däne­mark nach Deutsch­land mit ihrem SS-Vater (»… ein lie­ber Fami­li­en­mensch, des­sen Auf­gabe darin bestand, Bom­ben auf eng­li­sche Klein­städte zu wer­fen.«), Polen und zurück in die Hei­mat führt und was ihr die Gele­gen­heit gibt, allen Betei­lig­ten ihr Fett zu geben. Ob es die von Deut­schen besetz­ten Dänen (Kolo­ni­al­her­ren der Islän­der) sind, deren Wider­stand – laut Roman – exakt am Tag der deut­schen Kapi­tu­la­tion erwachte (Dänen sollte man die­ses Buch wirk­lich nicht emp­feh­len), oder die Bri­ten, die ja Island besetzten.

Zitat: »Die Eng­län­der konn­ten und kön­nen sich viele Dinge her­aus­neh­men, für die andere böse ange­fein­det wer­den. Sie berei­cher­ten sich an ihren Kolo­nien, sie ver­üb­ten Kriegs­ver­bre­chen, und sie führ­ten immer noch Krieg in weit ent­fern­ten Staa­ten. Aber das alles wird ihnen nach­ge­se­hen, weil sie selbst gen­tle­m­an­like in der BBC dar­über berichten.«

Schö­ner kann man auch die Nazis und ihren Wahn nicht ver­äp­peln (»ihr eri­gier­ter Gruß«) und den Irr­sinn des Neo­li­be­ra­lis­mus benen­nen: »Das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken geht näm­lich genau dann auf, solange den Mann nichts von sei­ner Arbeit abhält, die Frau seine Hem­den in die Rei­ni­gung bringt, keine Kin­der zur Welt kom­men und kein älte­rer Mensch zum Arzt gebracht wer­den muss«.

Es krie­gen ein­fach alle ihr Fett weg, John Len­non, Sartre, Simone de Beau­voir, die erste islän­di­sche Prä­si­den­tin Vigdis Finn­bo­ga­dottir, uvm. Dabei wer­den Lebens­weis­hei­ten en masse geschickt for­mu­liert, genauso wie fri­vol-komi­sche Abhand­lun­gen zur weib­li­chen Sexua­li­tät, unwahr­schein­li­che Wort- und Satz­spiele, schnodd­rigste Welt- und Begriffs­er­klä­run­gen geleis­tet, ein Roman wie ein tage­lan­ger Besuch bes­ten poli­ti­schen Kabaretts.

Ein Buch, so inten­siv, dass man es nur abschnitts­weise lesen kann; selbst wenn der Autor (ein Mann, der die irre Lebens­ge­schichte einer Frau beschreibt!) im letz­ten Fünf­tel etwas den Faden ver­liert. Das kann man alles nicht ein­fach glau­ben, das muss man lesen. Ein irres Mach­werk, der Knül­ler in die­sem Monat und eines der bes­ten Bücher der letz­ten 10 Jahre!

Ein abso­lu­tes lite­ra­ri­sches Muss!

2016 rezensiert, Briten, Geschichte, Hallgrimur Helgason, Island, Kabarett, Nazis