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Ehrenburg-Der-zweite-Tag

Ilja Ehren­burg
» Der zweite Tag

Autor:Ilja Ehren­burg (UdSSR 1932/33)
Titel:Der zweite Tag
Aus­gabe:Volk und Welt, Ber­lin DDR, 1974
Über­set­zung:Inge­borg Schröder
Erstan­den:Anti­qua­risch
Ehrenburg-Der-zweite-Tag
Fak­si­mile der deut­schen Aus­gabe von Volk&Welt (die auch den Roman »Ohne Atem­pause« ent­hält). Es gibt eben Gebrauchs­spu­ren bei anti­qua­ri­schen Aus­ga­ben; zumal beim cha­rak­te­ris­tisch schlech­ten DDR-Papier.

Dies ist eigent­lich kein regel­rech­ter Roman des sowje­ti­schen Schrift­stel­lers, der ob sei­ner gedich­te­ten Pro­pa­ganda im zwei­ten Welt­krieg bis heute in rech­ten und kon­ser­va­ti­ven Krei­sen ver­hasst ist, son­dern eine Samm­lung von Epi­so­den und Cha­rak­te­ren aus der Zeit des ers­ten sowje­ti­schen 5-Jah­res­plans (1928-32).

Hier wird die über­wäl­ti­gende Auf­bau- und Auf­bruch­stim­mung die­ser Zeit im rie­si­gen Sowjet­reich geschil­dert, mit dem die stür­mi­sche Indus­tria­li­sie­rung und Umwand­lung des Agrar­staats begann, ohne die die­ses Land kaum zehn Jahre spä­ter die deut­sche Agres­sion hätte abweh­ren können.

Ehren­burg schil­dert eine Peri­ode all­sei­ti­gen opti­mis­ti­schen Auf­bruchs, Licht­jahre von der blei­er­nen Par­tei­bü­ro­kra­tie der sie­chen Sowjet­union der siebziger/achtziger Jahre ent­fernt. Die atem­lose Spra­che, die unter­schied­lichs­ten oft nur epi­so­den­haft ange­ris­se­nen Schick­sale der in den Stru­del des Auf­baus hin­ein­ge­zo­ge­nen Men­schen. Kalei­do­skop­ar­tig wie des Revo­lu­tio­närs, des alten Par­tisans, des Kula­ken­sohn, des Stre­ber, der Händ­ler, des zögern­den Intel­lek­tu­el­len, des distan­zier­ten Gelehr­ten und der Büch­er­när­rin – das ist atem­be­rau­bend in sei­ner Dichte und Ver­knüp­fung die­ser weni­gen Jahre, in denen die Men­schen und ihr sozia­les Leben durch­ein­an­der gewir­belt werden.

Ehren­burg legt Wider­sprü­che offen dar, beschö­nigt Kon­flikte nicht, lehnt Par­tei­for­ma­lis­men ab, bevor­zugt ehr­li­che Dis­kus­sio­nen und schafft so ein irres Buch über den Auf­bau eines Indus­trie­kom­ple­xes im fer­nen und bis dahin ver­schla­fe­nen Sibi­rien, über Auf­bruch, Träume und Hoff­nun­gen. Fas­zi­nie­rende Epi­so­den gehö­ren dazu, wie die der Schul­klasse, die beim Auf­tau­chen der enthu­si­as­ti­schen Neu­leh­re­rin erst­mal dis­ku­tiert: »Wol­len wir heute über­haupt Mathe­ma­tik ler­nen?« – was sich anhört wie die 68’er Dis­kus­sio­nen fünf­und­drei­ßig Jahre später.

Dem auf­merk­sa­men heu­ti­gen Leser fal­len gleich­zei­tig Grund­satz­pro­bleme der Idee des sowje­ti­schen Sozia­lis­mus auf: Statt mit der Natur im Ein­klang zu leben, soll diese besiegt wer­den; immense Umwelt­ka­ta­stro­phen sind die Folge. Statt die Tra­di­tio­nen der zahl­lo­sen Völ­ker der SU zu inte­grie­ren, wer­den ehe­ma­lige Noma­den­völ­ker gleich mit »indus­tria­li­siert« – Grund­lage man­cher heu­ti­gen Natio­na­li­tä­ten­kon­flikte? Statt der Ursprungs­idee demo­kra­tisch gewähl­ter Räte (rus­sisch »Sowjets«) zu fol­gen, wird bereits die All­macht einer Par­tei pro­kla­miert, deren feh­lende Kon­trolle und Legi­ti­ma­tion Grund­lage des Schei­terns der UdSSR wurden.

Ins­ge­samt und nicht nur für Ehren­burg Fans (bin ich einer geworden?):

sehr lesens­wert

2016 rezensiert, Aufbauphase, Fünfjahresplan, Ilja Ehrenburg, Russland, Sowjetunion