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Trifonov

Jurij Trif­o­now
» Wider­schein des Feuers

Autor:Jurij Trif­o­now (UdSSR, 1966)
Titel:Wider­schein des Feuers
Aus­gabe:Volk und Welt/Luchterhand, 1979
Erstan­den:anti­qua­risch vom Land­buch­han­del Kross, Bippen

TrifonovJurij Trif­o­now, einer der wich­tigs­ten sowje­ti­schen Autoren des 20. Jahr­hun­derts, am bekann­tes­ten sein Werk über das Mos­kauer All­tags­le­ben um das Haus der Nomen­kla­tura: »Das Haus an der Moskwa/Das Haus an der Ufer­strasse« (DDR-Ti­­tel). Hier geht es Trif­o­now in ers­ter Linie um sei­nen Vater Valen­tin, einen Bol­sche­wi­ken der ers­ten Stunde, aktiv in der Okto­ber­re­vo­lu­tion und – wie so viele – 1938 von Sta­lins Scher­gen ermor­det. Nun soll der Lebens­weg des Vaters mit vie­len bis­her unbe­kann­ten Doku­men­ten nach­ge­zeich­net und die­ser letzt­lich gegen die Ver­dam­mung der Sta­lin­zeit reha­bi­liert wer­den; das ist dem Sohn Trif­o­nows ein Herzensan­liegen. All das ist gleich für 3 his­to­ri­sche Epo­chen inter­es­sant: Den Umbruch 1918/19, die Zeit des übels­ten sta­li­nis­ti­schen Ter­rors und den Umgang damit in der Sowjet­union nach dem 2 Welt­krieg. Aber auch für alle, die fra­gen, was nach der Okto­ber­re­vo­lu­tion so schief ging, dass sie im Sta­linschem Ter­ror mün­dete. Dabei erin­nert das Buch auch an einen heute gerne unter­schla­ge­nen Fakt: Das der Zaris­mus eine der übels­ten und blu­tigs­ten Dik­ta­tu­ren der Welt war.

Wie die Bewaff­nung und der Auf­stand in Petro­grad orga­ni­siert wurde und der Anteil daran von Trif­o­nows Vater und des­sen Bru­der. Die lite­ra­ri­sche Ver­ewi­gung eini­ger Details in Alex Tol­stoi »Der Lei­dens­weg«. Das beinhal­tet mit dem Lebens­weg des Vaters, der spä­ter nach Zari­zyn (Wolgograd/Stalin­grad) und dann auf die Krim geschickt wurde, vie­les aus dem Gesche­hen der dama­li­gen Bür­ger­kriege, mit wohl meis­ter­haf­ten Orga­ni­sa­ti­ons­leis­tun­gen des Vaters in Roter Garde/Rote Armee. Aber wenig poli­ti­sche Ana­ly­sen die­ser Zeit. Inten­siv die Auseinanderset­zungen zur »Kosa­ken­frage«, Trif­o­now Senior war inten­siv invol­viert und ver­suchte einen »sozia­len Nor­d/­Süd-Aus­gleich« statt der Repres­sio­nen zu eta­blie­ren. Im Gegen­satz dazu der äußerst rigo­rose Kosa­ken­be­fehl 1929. Wie Trif­o­now trotz nied­rigs­ter Bil­dung selbst Zucht­haus-Auf­ent­halte zum Ler­nen und zum Schrei­ben nutzte, von – Lyrik. Warum man 1917/18 unter den Bedin­gun­gen des Bür­ger­kriegs die rote Armee nach den »alten Prin­zi­pien« auf­bauen musste. Wie die Bol­sche­wi­ken, die Frie­den woll­ten, zum Krieg stan­den und wie und in wel­chem Maße eine Armee aus Frei­wil­li­gen auf­ge­baut sein sollte. Sein unver­öf­fent­lich­tes Buch, das zur Frage zukünf­ti­ger Kriege vor Selbst­ge­fäl­lig­keit und Selbst­über­schät­zung warnte – also genau den Feh­lern, der den Nazis den Vor­marsch 1941/42 so mas­siv erleichterte.

Warum ist das Buch heute noch wich­tig? Weil es ein gutes Stück einer alter­na­ti­ven Geschich­te Sowjet­russ­lands ist. Weder die geglät­tete Geschichte der Sta­li­nis­ten, noch das Zerr­bild des Wes­tens, der ja schon die junge Sowjet­union mit Hilfe jah­re­lan­ger Agres­si­ons­kriege sofort wie­der ver­nich­ten wollte. Ein hoch­in­ter­es­san­tes Per­so­nen­re­gis­ter über wich­tige Per­so­nen die­ser Epo­chen run­den ein gut geschrie­be­nes Buch ab, das mehr Lite­ra­tur­charme ver­strömt als die meis­ten ande­ren his­to­ri­schen Werke.

Lesens­wert

2016 rezensiert, Oktoberrevolution, Stalinismus, Terror, Zarismus