russerftiden

Tho­mas Kofoed Poul­sen
» Rus­sert­i­den

Autor:Tho­mas Kofoed Poul­sen (Däne­mark, 2021)
Titel:Rus­sert­i­den - De sidste vidner
Aus­gabe:For­la­get Brian Chris­ten­sen, 1. Aus­gabe 2. Auf­lage, 2021,
Erstan­den:Dagli Brugsen, Peders­ker, Born­holm, Dänemark
russerftiden
Buch­co­ver von »Rus­sert­i­den«
Gra­fik: © Ane Ceci­lie Mogensen

Noch ist die Zahl dänisch­spra­chi­ger Bücher in mei­nem Lite­ra­tur­blog »altmodisch:lesen« über­sicht­lich, aber jeder Urlaub auf der schö­nen däni­schen Ost­see­insel Born­holm hilft wei­ter. So auch die­ses »Rus­sert­i­den – De sidste vid­ner (= Zeit der Rus­sen – Die letz­ten Zeu­gen)« des jun­gen däni­schen His­to­ri­kers Tho­mas Poul­sen, das ich von der Insel mit­brachte. Kofoed Poul­sen ist selbst dort auf­ge­wach­sen und kannte Berichte sei­nes Groß­va­ters aus der Zeit.

Was näm­lich selbst viele Dänen nicht wis­sen, am 4. Mai 1945 wurde Däne­mark von den Nazis befreit und durch bri­ti­sche Trup­pen besetzt. Nicht aber die weit öst­lich vor der schwe­di­schen Küste gele­gene däni­sche Insel Born­holm. Dort ver­blie­ben die Nazi­trup­pen unter einem fana­ti­schen Kom­man­dan­ten von Kamptz, der bis zuletzt nicht kapi­tu­lie­ren wollte. Er bräuchte dazu einen Befehl des Hit­ler-Nach­fol­gers Dönitz!

Die end­gül­tige Befrei­ung von Fremd­herr­schaft erfolgte für die Born­hol­mer erst im April 1946, nach einer vor­an­ge­gan­ge­nen Inva­sion und knapp ein­jäh­ri­gen sowje­ti­schen Beset­zung. Ver­ein­facht, aber his­to­risch falsch, rus­si­sche Besat­zung genannt, die Rote Armee bestand schließ­lich nicht nur aus Rus­sen. Und wie gesagt:?Nicht ein­mal in Däne­mark ist die­ser Fakt Allgemeinwissen.

Der His­to­ri­ker weist schon zu Beginn dar­auf hin, dass dies zu den Fak­to­ren gehört, wo die Born­hol­mer sich vom Rest des Lan­des iso­liert, abge­trennt und frem­den Mäch­ten aus­ge­lie­fert füh­len. So wie im Juli 2020, als die Haupt­ver­bin­dung zwi­schen Born­holm und dem Rest des Lan­des – via Schwe­den – auf­grund von Corona-Restrik­tio­nen durch die schwe­di­schen Behör­den einige Zeit gesperrt war. Und das fühlte sich für die Insu­la­ner an wie 1945!

Ganz Däne­mark fei­erte das Kriegs­ende, die Befrei­ung, das Ende des deut­schen Nazi­sch­re­ckens – aber auf Born­holm ging er mit­samt dem Krieg ein­fach wei­ter! Umstände, die auf der Insel bis heute nicht ver­ges­sen sind und mit zu die­sem Buch geführt haben. Bis heute strei­tet man sich z. B., ob man auch auf der Insel, wie im rest­li­chen Däne­mark, am 4. Mai Ker­zen ins Fens­ter zum Jah­res­tag der Befrei­ung ins Fens­ter stel­len soll. 30 Zeu­gen der dama­li­gen Zeit wur­den inter­viewt, die von den Begeg­nun­gen mit den 7000 Sol­da­ten der Roten Armee als von einer Begeg­nung mit frem­der Kul­tur berichten.

Born­holm 1945

Erindringsglimt
Cover von »Erin­drings­glimt«
Sol­da­ten der Roten Armee tan­zen auf der Insel
© Born­holms Ø-arki­v/­Born­holms Museum

Nach Born­holm kom­men keine bri­ti­schen Sol­da­ten auf die Insel, dafür immer mehr flie­hende Deut­sche, Sol­da­ten (inkl. Waf­fen) und Zivi­lis­ten aus Rich­tung Dan­zig, Kol­berg und »Kur­land« (= Lett­land). Am 6. Mai kom­men alleine 5000 Flücht­linge, bis es mehr Deut­sche als Dänen auf der Insel gibt.

Däni­sche Wider­stands­kämp­fer beset­zen Poli­zei­sta­tio­nen, zu bewaff­ne­ten Zusam­men­stö­ßen kommt es offen­bar nicht. Wie effek­tiv däni­scher Wider­stand aus­se­hen konnte, zeigt sich: Ein däni­scher Arzt setzt sich im Kran­ken­haus von Nexø bei der Frage, wer zuerst behan­delt wer­den soll, gegen einen Nazi-Offi­zier durch.

Die Nazi­trup­pen erklä­ren, eng­li­schen Trup­pen wür­den sie sich erge­ben, kämen aber die Rus­sen, wür­den sie kämp­fen. Das erklä­ren sie auch bei einem Tref­fen am 7. Mai 1945 mit dem däni­schen Amt­mann Poul Chris­tian von Ste­mannn. Außer­dem werde die Insel als Zwi­schen­sta­tion für die zahl­rei­chen deut­schen Flücht­linge gebraucht, die von dort wei­ter nach Nord­west-Deutsch­land trans­por­tiert wer­den. Der Krieg sei ja noch nicht zu Ende. So wer­den Flak­stel­lun­gen ein­ge­rich­tet und rus­si­sche Flie­ger selbst in gro­ßen Höhen beschossen.

Was wie­derum bei der Roten Armee den Ein­druck erweckt, als wür­den sich die Nazi­trup­pen auf jeden Fall gegen ein Vor­drin­gen der Roten Armee nach Born­holm mili­tä­risch wehren.

Warum kamen die Bri­ten nicht in die­sen Teil Dänemarks?

Die His­to­ri­ker, so Bernt Jen­sen 1996 in »Den lange befri­else«, ver­mu­ten, dass die west­li­chen Alli­ier­ten die Insel auf­grund ihrer geo­gra­fi­schenh Lage als rus­si­sche Ein­fluss­sphäre sahen und man die Rus­sen auf kei­nen Fall ver­är­gern wollte. Damals, 1945!

Bom­ben­an­griffe Mai 1945

In die­ser Situa­tion griff die sowje­ti­sche Luft­waffe die bei­den größ­ten Städte der Insel an, am 6. Mai ’45 Nexø und einen Tag spä­ter die Insel­haupt­stadt Rønne sowie erneut Nexø. Die Insu­la­ner erleb­ten nun erst­mal den Krieg mit den Bom­bar­de­ments, wo Leben und Tod nur eine Win­zig­keit aus­ein­an­der lagen. Sie erleb­ten die Angriffe meist aber nicht als Aktio­nen gegen mili­tä­ri­sche Ziel, son­dern als will­kür­li­che Atta­cken auf Wohn­ge­biete. Wenigs­tens star­ben dabei »nur« zehn Born­hol­mer, die Behör­den hat­ten nach rus­si­schen Vor­war­nun­gen für Eva­ku­ie­run­gen der Städte gesorgt. Die Zer­stö­run­gen und der ver­nich­tete Wohn­raum waren aller­dings erheb­lich. Die Nazi-Wehr­macht zählte am 7. Mai zwi­schen 75 und 200 Toten, die Zah­len vom 8. Mai sind nicht bekannt.

Die Bit­ter­keit, vom Rest-Däne­mark ver­ges­sen wor­den zu sein, über­wiegt bei nicht weni­gen Zeu­gen die­ser Zeit das Ent­set­zen über die Zer­stö­run­gen. Wenn sie das (däni­sche) Radio ein­schal­te­ten, hör­ten sie viel über den Jubel zum Kriegs­ende, dass der Krieg auf Born­holm wei­ter ging, über die Zer­stö­run­gen in ihren wich­tigs­ten Städ­ten, dar­über, so die Zeit­zeu­gen, hör­ten sie nichts. Da passt es ins Bild, dass der däni­sche Außen­mi­nis­ter Møl­ler, nach dem ers­ten rus­si­schen Angriff und der War­nung vor wei­te­ren, für die Born­hol­mer nicht zu errei­chen war. Er sollte bei den Rus­sen inter­ve­nie­ren und wei­tere Bom­bar­de­ments verhindern…

Russertiden-backside
Die Rück­seite von »Rus­sert­i­den«
mit den Bil­dern der Inter­view­ten
Im Hin­ter­grund eine Insel­karte mit kyril­li­scher Beschif­tung
© Born­holms Ø-arki­v/­Born­holms Museum

Das Ent­set­zen auf Born­holm war aber auch des­we­gen so groß, weil die Insel bis dato von sol­che Ereig­nis­sen ver­schont wor­den war. Die Bit­ter­keit der Born­hol­mer ist bis heute zu spü­ren, wenn z. B. dar­auf ver­wie­sen wird, dass die Beson­der­hei­ten Born­holms nicht ein­mal in der Schule gelehrt wer­den und die meis­ten Dänen davon keine Ahnung haben.

Hilfe kommt für die Born­hol­mer danach (ab dem 13./14. Mai) vom skan­di­na­vi­schen Nach­barn Schwe­den, 225 gespen­dete schwe­di­sche Holz­häu­ser in Rønne und 75 in Nexø wer­den noch heute gerne bewohnt.

Augen­zeu­gen­ge­schich­ten

Die däni­schen Wider­ständ­ler müs­sen auf einem Hof bei Nexø ohn­mäch­tig zuse­hen, wie ein Haus nach dem ande­ren in Flam­men auf­geht. Nexø erlitt grö­ßere Schä­den als Rønne. Die Zeu­gen schil­dern ein­drück­lich den Schre­cken ange­sichts der Zer­stö­run­gen, lei­der gibt es anschlie­ßend auch einige Plünderungen.

Viele zu Her­zen gehende Geschich­ten wie die von Bodil Vest Søren­sen, deren Vater als »Havnfogd« unter den Bom­ben auf den Hafen von Nexø starb.

Oder über die vie­len tau­send deut­schen Flücht­linge nach Born­holm, meist in elen­dem Zustand, die aber irgend­wie ver­sorgt wer­den müs­sen, man spricht von 15.000 bis 30.000 Deut­schen; die Ein­woh­ner­zahl der Insel lag damals um 30.000.

Am 9. Mai wird ein Schiffs­kon­voi von über 900 deut­schen Schif­fen vor der Insel gese­hen, die deut­sche Flücht­linge abho­len sol­len. Deren kleins­tes Schiff war grö­ßer als die Insel­fähre Gudhjem—Christiansø, so Beob­ach­ter dort auf Ert­hol­men. Das Ganze ein kla­rer Bruch der Kapi­tu­la­ti­ons­be­stim­mun­gen, sagen die däni­schen His­to­ri­ker. Daher sehen Beob­ach­ter auf Chris­ti­ansø am 9. Mai auch Bom­ben­an­griffe auf Schiffe vor deren Insel. Über Opfer­an­ga­ben gibt es sehr wider­sprüch­li­che Quel­len. Die Schiffe errei­chen am 9. Mai Kiel, man ver­mu­tet eine ins­ge­samte vier­stel­lig Opfer­zahl. Bis zum 16. Mai waren – bis auf einige Schwer­ver­letzte – aber alle Flücht­linge evakuiert.

Man­che Deut­sche ver­such­ten sich auf der Insel zu ver­ste­cken, däni­sche Wider­stands­kämp­fer sorg­ten mit dafür, dass sie auf­ge­spürt und eben­falls eva­ku­iert wurden.

Warum all die Deut­schen mein­ten, unbe­dingt vor den Rus­sen flie­hen zu müs­sen, wird im Buch nicht hin­ter­fragt, aber das wird es in der deut­schen Geschichts­schrei­bung ja auch nicht.

Als die Rus­sen am 9. Mai schließ­lich auf der Insel, in Rønne, lan­de­ten, gab es von deut­scher Seite kei­nen Wider­stand mehr.

Die Ein­hei­mi­schen wun­dern sich über mar­schie­rende und auf Pan­je­wa­gen rol­lende Inva­so­ren, beson­ders fremd die Rot­ar­mis­ten aus den asia­ti­schen Tei­len der Sowjet­union. Die Rot­ar­mis­ten wie­derum sind ver­wun­dert über das fried­li­che Leben im wenig zer­stör­ten Born­holm – ihre wie­der­eroberte Hei­mat sieht völ­lig anders aus nach dem Ver­nich­tungs­krieg der Nazis.

Die Rus­sen beto­nen, als Befreier gekom­men zu sein, nur mit­tel­fris­tig zu blei­ben und sich nicht in die zivi­len Belange der Dänen ein­mi­schen zu wollen.

Kon­takte

Oberleutnant-Viktorow
Die Bild­un­ter­schrift: Ober­leut­nant Vik­to­rov war schnell ein bekann­tes Gesicht und lernte Dänisch mit Born­hol­mer Akzent
© Born­holms Ø-arki­v/­Born­holms Museum

Bei einem Schiffs­un­glück stirbt der Sohn des rus­si­schen Dich­ters Tol­stoi. Über­rascht sind die Insu­la­ner, als sie unter den Besat­zern einen aus­ge­bil­de­ten Tän­zer des Mos­kauer Bol­schoi-Thea­ters ent­de­cken. Der Ober­leut­nant und Spra­chen­leh­rer Vik­to­rov lernt schnell Dänisch (mit Born­hol­mer Akzent) und wird ein bekann­tes Gesicht und zum wich­ti­gen Bin­de­glied zwi­schen Dänen und Rus­sen auf der Insel.

Die rus­si­schen Sol­da­ten – so die inter­view­ten Zeit­zeu­gen – sind beson­ders nett zu Kin­dern, es gibt Tausch­han­del, man fin­det Spiel­ka­me­ra­den. Auch weil viele Sol­da­ten selbst fast noch Kin­der sind, einer, kaum 12 Jahre alt, wird Spiel­ka­me­rad für den Zeit­zeu­gen Erling Peder­sen. Er kommt zu ihm in den Gar­ten, wann immer es seine Zeit erlaubt. Die Born­hol­mer ver­mu­ten, dass die rus­si­schen Jun­gen eltern­los sind und von der Roten Armee mit­ge­nom­men wur­den. Was übri­gens ein nicht sel­te­nes Sujet in der sowje­ti­schen Kriegs­li­te­ra­tur wurde.

Wäh­rend die deut­schen Trup­pen sei­ner­zeit Som­mer­häu­ser auf Born­holm ein­fach beschlag­nahm­ten, zahlte die Rote Armee dafür Miete.

Auch dänisch-rus­si­sche Lie­bes­paare bil­den sich,was von einem Zeit­zeu­gen sehr schön geschil­dert wird. Die Autorin Per­nille Boels­kov greift das in ihrer Kri­mi­nal­erzäh­lung »Gra­nit­gra­ven«, also das Gra­nit­grab, rund 70 Jahre spä­ter auf.

Musikanten
Die Bild­un­ter­schrift: Viele Born­hol­mer bemerk­ten, dass es den rus­si­schen Sol­da­ten Freude machte, ihre musi­ka­li­schen Fähig­kei­ten mit dem Spie­len von rus­si­schen Volks­wei­sen unter Beweis zu stel­len
© Born­holms Ø-arki­v/­Born­holms Museum

Die Roh­heit des Krie­ges sorgt auch für Ver­ge­wal­ti­gun­gen, was nach den Berich­ten der Born­hol­mer streng bestraft wurde. Der His­to­ri­ker Jesper Gaar­s­kjær schreibt in »Born­holm besat«, dass man von etwa 20 Ver­ge­wal­ti­gun­gen (+ Dun­kel­zif­fer) in dem knap­pen Jahr rus­si­scher Besat­zung aus­ge­hen müsse. Jede ein­zelne ist ein Ver­bre­chen und eine Kata­stro­phe für die Frau. Im Ver­gleich ist es aber eine sehr geringe Zahl – in einem Krieg, sagt der Historiker.

Weil aber Abtrei­bung damals in der Regel ver­bo­ten war, täuscht manch schwan­gere Frau nun eine Ver­ge­wal­ti­gung vor, denn dann ist Abtrei­bung erlaubt.

Zu einem spä­te­ren Zeit­punkt wur­den aber die Kon­takte (von rus­si­scher Seite) her­un­ter gefahren.

Auf­ent­halt und Rück­zug der »Rus­sen«

In einem eige­nen Kapi­tel wid­met sich der Autor der Zeit des Auf­ent­halts der frem­den Trup­pen auf die­sem Stück Däne­mark. Er fasst zusam­men: Der Auf­ent­halt der Rus­sen ver­lief im Wesent­li­chen akzep­ta­bel, von eini­gen Schön­heits­feh­lern abge­se­hen. Die­ses Fazit zieht er z. B. aus einer Reihe von Augen­zeu­gen-Befra­gun­gen (S. 122 ff). So heißt es meis­tens auch, an den Bom­ben, die fie­len, waren die Deut­schen schuld. Der deut­sche Kom­man­dant, der sich den Rus­sen nicht erge­ben wollte.

Sehr nega­tive Stim­men betreffs der Rus­sen gab es aber auch, das Buch merkt an, dass diese meist im Kal­ten Krieg her­aus­ge­holt und betont wur­den. Anders wird die Born­hol­me­rin Anne Marie Kjøl­ler zitiert (S. 129): » Man var bange for de tyskerne. Det var man ikke for den enkelte rus­serne. (Man hatte Angst vor den Deut­schen, vor den Rus­sen, dem ein­zel­nen, hatte man keine Angst.«

Carl Aage Reuss erzählt (S. 129): Ich kann mich nicht erin­nern, dass wir als Kind auch nur von einem ein­zi­gen Erwach­se­nen vor den Rus­sen gewarnt wor­den wären.

Lei­der gibt es im Buch einen gro­ßen Zeit­sprung vom Früh­som­mer 1945 zum Früh­jahr 1946, was dazwi­schen liegt, wird doch arg epi­so­den­haft abge­han­delt. Viel­leicht bringt das andere Buch zu die­ser Zeit, »Erin­drings­glimt« mehr dazu.

Aly-Svendsen
Aly Svend­sen (1932) sah einige der Rus­sen in Rønne, als sie nach dem Bom­bar­de­ment zurück nach Rønne kam.
© Born­holms Ø-arki­v/­Born­holms Museum

Für die Insu­la­ner wurde es zur span­nen­den Frage: Blei­ben die Rus­sen oder zie­hen sie wie­der ab? Gehen sie über­haupt oder wird Born­holm sowjetisch?

Ins­ge­samt sind die Zeit­zeu­gen geteil­ter Mei­nung: Für die einen waren sie durch die Rus­sen befreit wor­den, die ande­ren waren froh, als sie wie­der weg waren.

Anfang 1946 gibt es däni­sche Initia­ti­ven, Born­holm wie­der unter ihre Admi­nis­tra­tion zu stel­len, tat­säch­lich zieht die Rote Armee nach Ver­ein­ba­rung bis zum 5. April 1946 fried­lich ab – also fast ein Jahr nach­dem die Besat­zung des rest­li­chen Däne­marks been­det war.

So man­ches dänisch-rus­si­sches Kind bleibt auf der Insel zurück, man­che wis­sen nicht ein­mal etwas davon.

Dem Abzug vor­aus­ge­gan­gen war eine Note des sowje­ti­schen Außen­mi­nis­ters Molo­tow an den däni­schen Gesand­ten in Mos­kau, vom 5. März 1946, Inhalt:?Wenn däni­sche Trup­pen die Insel selbst ver­tei­di­gen und Däne­mark Born­holm admi­nis­trie­ren kön­nen, dann zie­hen die Trup­pen der UdSSR ab.

Bis in die acht­zi­ger Jahre wurde die Note so inter­pre­tiert, dass kei­ner­lei fremde Trup­pen auf Born­holm sein dürf­ten – spä­ter sah man das völ­lig anders. Der Born­hol­mer Muse­ums­in­spek­tor Jakob See­rup: Es kamen die neun­zi­ger, und die Jahr­tau­send­wende, ab der man von der »rus­si­schen Besat­zung« sprach. Und man begann dies mit der deut­schen gleichzusetzen.

Auf den Sei­ten 156 bis 160 fin­det sich dazu ein sehr auf­schluss­rei­ches Inter­view mit J. Seerup.

Der Abzug voll­zog sich in weni­gen Wochen schon am 5.April 1946 ver­lie­ßen die letz­ten frem­den Trup­pen die Insel.

Auf Born­holm ent­brannte spä­ter die Frage:?Wann fei­ert man Kriegs­ende und Befrei­ung? Am 4. Mai wie das rest­li­che Däne­mark oder am 5. April, als die Rote Armee abzog?

Auch unter den für das Buch Inter­view­ten war die Mei­nung geteilt. Nicht alle stel­len, wie in Däne­mark üblich, am 4. Mai Ker­zen in die Fens­ter, so man­cher tut das lie­ber am 5. April.

Curt-Kjoeller-Hansen
Curt Kjøl­ler-Han­sen (1931) erin­nert sich, dass es viele Gerüchte über die Rus­sen auf Born­holm gab. Man sorgte sich beson­ders, ob sie auch wie­der abrei­sen wür­den, das ver­setzte viele in Unruhe
© Born­holms Ø-arki­v/­Born­holms Museum

Am 9. Mai gab es spä­ter mehr­mals eine fei­er­li­che Zere­mo­nie auf dem rus­si­schen Fried­hof in Allinge, 1960 und 1965 zum Bei­spiel nahm der ehe­ma­lige rus­si­sche Kom­man­dant daran teil. Spä­ter wurde diese Teil­nahme von Sowjets/Russen von rechts­kon­ser­va­ti­ven däni­schen Poli­ti­kern ver­hin­dert. 1985 kam Dron­ning (= Köni­gin) Ingrid nach Born­holm, um Opfer von 1945 zu ehren. Viel zu ehren gab es aber nicht, oft sind weder Grab­stel­len noch Nach­fah­ren auf­zu­fin­den. Eine von den Sowjets geplante Feier wird beson­ders von Poli­ti­kern von »Venstre« (den däni­schen Kon­ser­va­ti­ven) torpediert.

Das Buch »Rus­sert­i­den«, seine His­to­ri­ker hal­ten fest: Die rus­si­sche Beset­zung von Born­holm und die deut­sche Kapi­tu­la­tion waren Teil eines Sie­ges der Alli­ier­ten, und die Sowjets/Russen waren ein Teil der Alli­ier­ten. Der däni­sche His­to­ri­ker Bo Lide­gaard schreibt in einem Inter­view am Ende des Buchs (S. 186): »…og der­for har res­ten af Dan­mark også meget af takke den Røde Hær fordi inden den indsats var vi ikke ble­vet befriet.« (.. und daher hat das rest­li­che Däne­mark eben­falls der Roten Armee viel zu ver­dan­ken, denn ohne deren Ein­satz wäre Däne­mark nicht befreit worden.)

Fazit:

In den meis­ten ober­fläch­li­chen Dar­stel­lun­gen der heu­ti­gen Main­stream Medien wird zum Thema Russen/Bornholm im Wesent­li­chen nur auf die Bil­der der Zer­stö­run­gen in den Born­hol­mer Städ­ten Nexø und Rønne ver­wie­sen. Es ist beson­ders die­sem Buch zu ver­dan­ken, die eigent­li­chen Fak­ten darzulegen:?Dass es erst die Angriffe der Roten Armee und ihre Beset­zung von Born­holm war, die der Nazi­herr­schaft in die­sem Teil Däne­marks ein Ende berei­te­ten. Und dass diese Besat­zung wei­test­ge­hend fried­lich und koope­ra­tiv ver­lief, bis die »Rus­sen« ver­ein­ba­rungs­ge­mäß die Insel im April 1946 fried­lich wie­der verließen.

Nach­trag 1: Der Abzug der Roten Armee erfolgte sei­ner­zeit nach einer Zusi­che­rung der däni­schen Regie­rung, dass keine aus­län­di­schen Trup­pen sta­tio­niert wer­den. Das aber wurde 76 Jahre (!) spä­ter erneut Thema. Im Zuge des Ukraine Kriegs (2022) dachte man in Däne­mark laut über die Sta­tio­nie­rung von US-Trup­pen im Lande nach. Moment, sag­ten die Rus­sen, ihr habt damals schrift­lich zuge­sagt, dass keine frem­den Trup­pen bei euch sta­tio­niert wer­den. Nej kam die däni­sche Ant­wort, das galt doch nur für damals, nicht für heute……

Nach­trag 2: In die­sem Jahr erschien – als vor­züg­li­che Erwei­te­rung – zum glei­chen Thema das reich bebil­derte »Erin­drings­glimt« (Erin­ne­run­gen) an die Rus­sen­zeit auf Born­holm bei Hakon Holm Publi­shing. Dar­auf wird zurück zu kom­men sein; s. das Foto des Buchs.

Nach­trag 3:?Als hätte es die­ser Erin­ne­rung bedurft, zei­gen die Ter­ror­an­schläge auf die nahe Born­holm ver­lau­fen­den rus­si­schen Gas­lei­tun­gen Nord­stream 1+2 in wel­chem dich­ten Span­nungs­feld diese Insel lag und liegt.

Nach­trag 4:?His­to­risch ganz und gar nicht kor­rekt, wird im Buch bestän­dig von »rus­serne» gespro­chen, die Rote Armee umfasste aber Sol­da­ten aus vie­len Natio­nen, kei­nes­wegs nur Rus­sen. Ich habe mich hier aber not­ge­drun­gen dem Sprach­ge­brauch des Buchs angepasst.

Sehr span­nende Geschichtslektüre

2022 rezensiert, Bornholm, Dänemark, Forlaget Brian Christensen, Geschichte, Thomas Kofoed Poulsen