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Kul-moerket

Per­nille Boels­kov
» Kul Mørket

Autor:Per­nille Boels­kov (Däne­mark, 2024)
Titel:Kul Mør­ket
Aus­gabe:For­la­get 4. til venstre, 2024, däni­sche Originalfassung
Erstan­den:Dagli Brugsen, Peder­sker, DK

Kul-moerket

»Kul­mør­ket« – Kohl­endun­kel, könnte man den vier­ten Band der däni­schen (Born­hol­mer) Kri­mi­reihe um den Ermitt­ler Lars und seine Cou­sine Agne­the Bohn, Pfar­re­rin in der Nico­lai-Kir­che zu Rønne, über­set­zen. Oder ein­fach »Zap­pen­dus­ter«?

Wie die Vor­gän­ger von der Autorin ( hier, bzw. dort) erhält man unter der Kate­go­rie »Krimi« schöne Ein­bli­cke in den All­tag auf der däni­schen Insel, Schlag­lich­ter aus ihrer Geschichte, nicht immer Erfreu­li­ches aus der Insel­ge­sell­schaft. Kurz: In ange­neh­mer Prä­sen­ta­tion lernt man Dinge, die man als Tou­rist nicht ein­mal ahnen würde.

Diese Geschichte war­tet mit immer­hin vier Mor­den auf, für deren Auf­klä­rung man weit in die Ver­gan­gen­heit gehen muss, bis in die sech­zi­ger Jahre. Nicht nur in die Ver­gan­gen­heit von Lars Fami­lie, ins­be­son­dere sei­ner Mut­ter und derem eins­ti­gen Lieb­ha­ber. Son­dern auch in Born­hol­mer Geschichte, beson­ders der von Hasle, dem Städt­chen an der West­küste, wo jetzt die Ver­fas­se­rin wohnt. Das auf Born­holm einst Kohle geför­dert wurde, war mir völ­lig neu. Ebenso wie die ver­las­se­nen Gru­ben­gänge bei Hasle. Und wel­che große Geschichte Hjorths Kera­mik­fa­brik, heute ein Museum, hatte. Einst ein gro­ßer Röh­ren­fa­bri­kant, wich­ti­ger Wirt­schafts­fak­tor, aus­ma­nö­vriert von der Plastikrevolution.

Ach man lernt viel in »Kul­mør­ket«, z.B. wozu man Kera­mik-Brenn­öfen auch ver­wen­den kann, dass es »Kräu­ter­he­xen« auf Born­holm gibt, deren Kennt­nisse Born­hol­mer von Flora und Fauna recht übel wir­ken kön­nen. Dass das Archiv der Born­hol­mer Kripo ein ein­zi­ges Chaos ist. Dass es DDR-Bür­ger gab, die noch im Kal­ten Krieg auf die Insel gelangt sind. Und von denen eine das Zen­trum einer Gruppe bil­det, die in den spä­ten Sech­zi­gern, von dem Gemein­schafts­er­leb­nis und einer gemein­nüt­zi­gen Wirt­schaft schwärmt. Und zwar so inten­siv, dass geplant wird, gemein­sam in die DDR überzusiedeln.

Der Plot ent­wi­ckelt sich von Anfang an span­nend und stei­gert dies teil­weise gera­dezu lawi­nen­ar­tig, Ein klei­nes Mäd­chen stürzt im Wald bei Hasle in eine Höhle. Die sich als Teil einer eins­ti­gen Koh­len­grube erweist. Bei den Recher­chen wer­den Kno­chen­reste gefun­den, bei deren Zuord­nung die Spe­zia­lis­tin »Tech­ni­ker-Maj«, wesent­lich hilft. Das ist aber erst der Anfang einer lan­gen Kette von Ver­wick­lun­gen – und Toten.

»Tech­ni­ker-Maj« ist eine von vie­len Frauen, die im Grunde die Story bestim­men, da gibts noch Kräu­ter­he­xen, Kera­mi­ke­rin­nen, Desi­gne­rin. Also im Grunde etwas wie ein »Frau­en­krimi«, auch eine gute Abwechslung.

Wie meist in Boels­kovs Geschich­ten wird das Pri­vat­le­ben der Prot­ago­nis­ten tief ins Gesche­hen ein­be­zo­gen. Agne­the hat wie­der ein­mal Stress mit Kon­ser­va­ti­ven in der Kir­chen­ge­meinde. Aus der sie anonyme Mails bekommt. Ihr Pri­vat­le­ben, unver­hei­ra­tet, mit unehe­li­cher Toch­ter in einer WG mit einem Frem­den, auch noch ein Pole! Das geht ein­fach zu weit für die länd­lich-kon­ser­va­tive Insel­ge­sell­schaft. So dass der Probst der Agne­the droht, dem Lot­ter­le­ben inso­weit zu ent­sa­gen, als dass sie – ohne das pol­ni­sche WG Mit­glied natür­lich – in ein der Kir­che gehö­ren­des Haus ein­zie­hen soll. Gut, dass der Probst sie nur am Tele­fon erreicht, auf der Fähre nach Ystad. Was das Gespräch lang­sam, aber bestimmt been­det, die Dro­hung aber bleibt. Agne­the will dem nicht nach­kom­men, aber kann sie dem Druck dau­er­haft widerstehen?

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Foto: Mar­tin Thaulow/Mette Munch | Quelle

Die Fami­lie von Lars ist stark in die Kette von Ver­bre­chen, die sich hier abspie­len, ver­wi­ckelt, schwie­rig für den erfah­re­nen Ermitt­ler. Auch was die Wei­te­run­gen betrifft. Wel­che Rolle spielt der Besit­zer meh­re­rer Born­hol­mer Bade­ho­tels? Und was hat der berühmte Kera­mi­ker aus Lis­ted damit zu tun? Was sagen die Sta­pel von Lie­bes­brie­fen an Lars Mut­ter aus? Wer war ihr lei­den­schaft­li­cher Lieb­ha­ber? War der geheime Treff­punkt sei­ner Mut­ter mit dem Lover viel­leicht in der alten Koh­len­grube? Und was bedeu­tet es, dass Agne­thes Vater nicht ihr gene­ti­scher Vater sein kann? Und wieso fin­det man im alten Schacht Schnip­sel von einem DDR-Ausweis?

Die Boels­kov ist äußerst geschickt im Spu­ren legen, der gespannte Leser rät­selt. Wieso wusste Lars nichts davon, dass seine Mut­ter ihr Haus ver­kauft hat? Warum sagt sein Bru­der Claus, der in Süd­afrika lebt, nichts davon, dass er kurz vor einem der Morde für einen Tag auf der Insel war? Wo hat er eigent­lich über­nach­tet? Und wer hat den Blu­men­strauß am alten Schacht niedergelegt?

Nicht alle geleg­ten Spu­ren wer­den wie­der auf­ge­grif­fen, aber für Span­nung haben sie alle­mal gesorgt. Wofür ja auch noch ein mut­maß­lich les­bi­sches Lie­bes­ver­hält­nis (in der Ver­gan­gen­heit) sowie eine wei­tere Lei­che (ein Schmugg­ler?), sor­gen. Mit der Figur der coo­len schwe­di­schen Desi­gne­rin Elin Hög­lund wird ein Kon­tra­punkt zu den Born­hol­mer Cha­rak­te­ren gesetzt. Elin aber, weil eben­falls »til­flyt­ter«, wird nie­mals in den enge­ren Born­hol­mer Kreis auf­ge­nom­men wer­den – viel­leicht Erfah­run­gen der Autorin?

Am Ende ist es eine alte Geschichte. Vor Jah­ren pas­sierte im Kreis jun­ger Leute etwas sehr Dum­mes. Eine(r) aus dem Kreis kann über die Jahre nicht alles für sich behal­ten. Des­sen Plau­dern löst eine ver­häng­nis­volle Kette aus. Mit einem effekt­vol­len Show­down, in dem pflanz­li­che Gifte und Gegen­gifte und sogar eine Schrot­flinte zum Ein­satz kom­men. Aber alles wird wie­der koope­ra­tiv von Agne­the und Lars gelöst. Nicht zu ver­ges­sen: »Tech­ni­ker-Maj« und andere ein­drucks­volle Born­hol­mer Charaktere.

Aller­dings steht über der Zukunft von Agne­the und Lars ein dickes Fra­ge­zei­chen: Wech­selt sie aus Ver­druss über den kon­ser­va­ti­ven Druck der Gemeinde in eine See­manns­kir­che, weit weg von allem? Und wie ist das mit Lars Ärger mit sei­nem Chef? Wir erin­nern uns: Der ist auch ein »til­flyt­ter« (ein Zuge­zo­ge­ner) und eben »ovre­fra«, also nicht von der Insel. Und: Wer­den sie, Cou­sin und Cou­sine, mög­li­cher­weise noch ein Paar? Man wird wohl den nächs­ten Band der Born­holm­kri­mis von Per­nille Boels­kov abwar­ten müssen…

Möge der so span­nend, so abwechs­lungs­reich und »born­hol­misch« sein wie dieser.

Span­nend und informativ!


Anhang. Dies ist die Liste der Born­holm-Kri­mis um Agne­the und Lars:

Hinzu kom­men die Kri­mi­no­vel­len »Liget i Nør­re­kas«, (2016) und »Lyt­te­pos­ten 1980«, aus 2023.

Die Kri­mi­pau­sen hat Per­nille genutzt, um zwei Töch­ter zur Welt zu brin­gen und ein Bil­der­buch für die Kleins­ten zu ver­fas­sen. Aber: auf Born­hol­misch! Wei­te­res auf der Web­seite der Autorin; Dänisch und auf Deutsch.

2025 rezensiert, Bornholm, DDR, Dänemark, Kalter Krieg, Krimi, Pernille Boelskov