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Iris Schür­mann-Mock
» ›Ich finde es unan­stän­dig, vor­sich­tig zu leben‹

Autorin:Iris Schür­mann-Mock
Titel:Ich finde es unan­stän­dig, vor­sich­tig zu leben
Aus­gabe:AvivA Ver­lag, 1. Auf­lage 2022

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Schon allein der Titel ›Ich finde es unan­stän­dig, vor­sich­tig zu leben‹ von Iris Schür­mann-Mock hat mich neu­gie­rig gemacht, der Unter­ti­tel ›Auf den Spu­ren ver­ges­se­ner Schrift­stel­le­rin­nen‹ erst recht. Erschie­nen ist die­ses Buch im Ber­li­ner AvivA Ver­lag. An die­ser Stelle einen herz­li­chen Glück­wunsch an den Ver­lag, denn er wurde mit dem Kurt-Wolff-Preis 2024 aus­ge­zeich­net. Begrün­dung: Seit einem Vier­tel­jahr­hun­dert bringe der Ver­lag »mit nicht nach­las­sen­der Ener­gie und gro­ßem Spür­sinn die weib­li­chen Stim­men der Welt­li­te­ra­tur zur Gel­tung«, teilte die Stif­tung am Frei­tag in Leip­zig mit. Quelle

Diese weib­li­chen Stim­men der Welt­li­te­ra­tur hat Iris Schür­mann-Mock gefun­den! Sie betrach­tet einen Zeit­raum von fast 250 Jah­ren schrei­ben­der Frauen, damit ist ihr Buch wirk­lich eine Fund­grube! Allen Schrift­stel­le­rin­nen ist gemein­sam, dass sie in der Öffent­lich­keit kaum noch wahr­ge­nom­men wer­den, dass sie im Kanon einer Lite­ra­tur­ge­schichte kaum noch auf­tau­chen, dass aber alle vor­ge­stell­ten Schrift­stel­le­rin­nen Aus­sa­gen tref­fen, die auch heute noch aktu­ell sind, auch nach 250 Jah­ren. Iris Schür­mann-Mock nimmt uns mit, um die Spu­ren der ver­ges­se­nen Schrift­stel­le­rin­nen zu ver­fol­gen, indem sie die jewei­lige Schrift­stel­le­rin kurz vor­stellt, eine Lese­probe anbie­tet und damit eine Lese­emp­feh­lung. Wer die Spur wei­ter ver­fol­gen will, kann die Hin­weise auf Museen, Gedenk­stät­ten, Archive und wei­tere lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Tipps im Blick behal­ten. Das bedeu­tet aber nicht, dass nur stu­dierte Ger­ma­nis­tin­nen ange­spro­chen wer­den, im Gegen­teil, sie möchte die Lust des Lesens erwei­tern und dar­auf hin­wei­sen, dass Bücher nicht schlech­ter sind, weil sie alt sind und damit neue nicht bes­ser, weil sie neu sind. Iris Schür­mann-Mock ver­folgt auch das Ziel wie­der auf Schrift­stel­le­rin­nen auf­merk­sam zu machen, die ein­fach ›ver­ges­sen‹ wur­den, im Gegen­satz zu vie­len männ­li­chen Kol­le­gen, die man durch­aus ver­ges­sen konnte.

Fol­gende von Iris Schür­mann-Mock vor­ge­stell­ten Schrift­stel­le­rin­nen haben mich neu­gie­rig gemacht, und ich habe deren Romane mit Begeis­te­rung gele­sen und einige im Lite­ra­tur­blog altmodisch:lesen rezen­siert. Hier nur kurze Hin­weise, um die Lese­lust zu stei­gern mit Hin­weis auf die jewei­lige Rezen­sion in die­sem Blog!

Louise Aston (1814-1871) ›Aus dem Leben einer Frau‹ (1847)

»Ich lasse mich nicht ver­han­deln gegen schnö­des Gold, ich kenne etwas Edle­res – als dies Metall – meine Liebe!« (S. 13)

Louise Aston beschreibt zum gro­ßen Teil auto­bio­gra­fisch ihre Zwangs­ver­hei­ra­tung als 17 Jahre altes Mäd­chen mit einem 23 Jahre älte­ren Mann, der sie, nach­dem der finan­zi­elle Ruin droht, sogar sei­nem Gön­ner für eine Nacht anbie­tet, um die finan­zi­elle Unter­stüt­zung zu erhalten.

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Iris Schür­mann-Mock | Foto: © Chris­tian Dait­che | Quelle

Gabriele Reu­ter (1859-1941) ›Aus guter Fami­lie – Lebens­ge­schichte eines Mäd­chens‹ (1895)

»Aga­the hatte ja Gehor­sam und demü­tige Unter­wer­fung gelobt für das ganze Leben.« (S. 14)

Aga­the kommt aus einer bür­ger­li­chen Fami­lie des Kai­ser­reichs, ist ein gut erzo­ge­nes jun­ges Mäd­chen, das mit 15 Jah­ren als hei­rats­fä­hig gilt, will aber die­sen ihr von der Gesell­schaft vor­ge­schrie­be­nen Weg nicht gehen. Sie erlebt die Dop­pel­mo­ral der Gesell­schaft und geht daran zugrunde.

Har­riet Straub (1871-1945) ›Zer­ris­sene Briefe‹ (1912)

»Hört auf den gel­len­den Not­schrei eures Geschlechts und sucht end­lich eure Ant­wort auf die Frage: Was heißt Weib sein?« (S. 77)

Har­riet Straub ist Ärz­tin und hat meh­rere Jahre in der Sahara ver­bracht, um hier vor allem die Frauen zu unter­stüt­zen, hier ent­ste­hen ihre fik­tio­na­len Briefe. Für männ­li­che Schrift­stel­ler Ende des 19. Jahr­hun­derts war es nichts Unge­wöhn­li­ches über den Ori­ent zu schrei­ben, aber in ers­ter Linie über die ori­en­ta­li­sche Frau, die die ero­ti­schen Phan­ta­sien der Män­ner beflü­gelte. Für Har­riet Straub war es ein Weg zur Eman­zi­pa­tion, um sich vom Leben als Ehe­frau, Haus­frau und Mut­ter zu befreien. In ihrem Werk ›Zer­ris­sene Briefe› zeigt sich, dass sich ihr Blick auf die Welt ziem­lich ver­än­dert hat, so hat sie sich von der katho­li­schen Kir­che immer wei­ter ent­fernt und sich dem Thema der Eman­zi­pa­tion der Frau immer mehr genähert.

Lena Christ (1881-1921) ›Erin­ne­run­gen einer Über­flü­ßi­gen‹ (1912)

»Wenn die rich­ti­gen Wei­ber anfan­gen zu erzäh­len, dann rei­chen sie in Tie­fen, wo die Manns­bil­der nicht mehr hin­kom­men.« Quelle https://​www​.fem​bio​.org/​b​i​o​g​r​a​p​h​i​e​.​p​h​p​/​f​r​a​u​/​b​i​o​g​r​a​p​h​i​e​/​l​e​n​a​-​c​h​r​i​st/

Der Titel des Roman/der Auto­bio­gra­fie sagt alles! Lena Christ berich­tet scho­ckie­rende, erschüt­ternde Erleb­nisse aus ihrem kur­zen Leben, das gekenn­zeich­net ist von Miss­hand­lun­gen, Her­ab­set­zun­gen und bru­ta­ler Gewalt. Dabei ist es neben­säch­lich, ob es sich um einen Roman oder eine Auto­bio­gra­fie handelt.

Emmy Ball-Hen­nings (1885-1948) ›Gefäng­nis‹ (1919)

«Die Romane sind der Wahn­sinn. Hauen einem diese irre Zeit knall­hart ins Gesicht.»Frankfurter All­ge­meine Sonn­tags­zei­tung, 24.1.2016

Emmy Hen­nings schil­dert das Erleb­nis einer vier­wö­chi­gen Gefäng­nis­haft in einer expres­si­ven Spra­che. Sie selbst musste 1914 eine Gefäng­nis­strafe absit­zen, wäh­rend des­sen sie sich gedank­lich beschäf­tigte mit der Frage der Schuld und Unschuld, der Gerech­tig­keit und dem Gesetzt und der Frei­heit und dem Zwang. Die­ses Erleb­nis ver­folgte sie wie ein Trauma ihr gan­zes Leben lang.

Adri­enne Tho­mas (1897-1980) ›Die Kat­rin wird Sol­dat (1930)

»Aber was ist ein Sieg wert, der über Mil­lio­nen Tote und Mil­lio­nen Ver­stüm­melte hin­weg­schrei­tet?« (S. 144)

Mit Beginn des 1. Welt­kriegs mel­det sich die 16jährige Kat­rin in ihrer Hei­mat­stadt Metz beim Roten Kreuz, um auf dem Bahn­hof in Metz ihre ›vater­län­di­sche Pflicht‹ zu erfül­len. Aber im Gegen­satz zu ihren männ­li­chen Schul­freun­den, die begeis­tert in den Krieg zie­hen, ent­wi­ckelt sich Kat­rin zur Pazi­fis­tin, ihr ist nicht die Nation wich­tig, son­dern der Mensch. Sodass sie kurz vor ihrem Tod mit 19 Jah­ren so etwas Wich­ti­ges sagen kann: »Wel­ches Volk auch den Krieg gewinnt, es lei­det dar­un­ter noch durch Gene­ra­tio­nen.« (S. 231)

Susanne Kerck­hoff (1918-1950) ›Die ver­lo­re­nen Stürme‹ (1947)

Marete zu ihrem Vater: »Ja, du bist schuld! Nazis und Fazis, Sozis und Kozis – weil du zu faul und zu fein gewe­sen bist, um auch nur einen klei­nen Fin­ger dafür zu rüh­ren, daß die Frei­heit erhal­ten bleibt! Par­teien sind ja für dich nicht gut genug! Da spricht man nicht dau­ernd gebil­de­tes Zeug! Da muß man sich so aus­drü­cken, daß der Mann auf der Straße ver­steht, was gemeint ist. Aber ihr wart zu fein dazu! Den Nazis habt ihr es über­las­sen, eine Spra­che zu reden, die die Leute ver­stehn!« (S. 208)

Die 17jährige Marete hat sich in einer Jugend­or­ga­ni­sa­tion der SAP orga­ni­siert, um gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus zu kämp­fen. Zunächst fin­det sie noch Unter­stüt­zung in der Schule und bei der Eltern­ge­nera­tion, diese wird jedoch immer schwä­cher. Die libe­ra­len Lehr­kräfte in ihrer Schule wer­den ent­las­sen oder ducken sich weg. Marete will aber nicht auf­ge­ben, auch wenn sie die etwas naive Vor­stel­lung hat, dass die Deut­schen doch kul­ti­vierte Men­schen seien.

Caro­line Muhr (1925-1978) Freun­din­nen‹ (1974)

»Da haben wir sie die drei Exis­tenz­for­men, in die wir alle rein­pas­sen, alle, denen das berühmte Zipp­fel­chen da unten fehlt, und wenn wir nicht von sel­ber rein­pas­sen, wer­den wir rein­ge­stopft. Die erste: Haus­frau und Mut­ter, je beschränk­ter, desto glück­li­cher; die zweite: berufs­tä­tige Frau ohne Auf­stiegs­chan­cen, mit galop­pie­ren­der Iso­lie­rung; die dritte: Frau, die sich zwi­schen Beruf, Kin­dern und Haus­halt abra­ckert. Drei Kli­schees? Mei­net­we­gen. Man­chen Kli­schees lie­gen die bit­ters­ten Wahr­hei­ten zugrunde. Wie man sie auch dreht und wen­det: Sie sind alle drei beschis­sen.« (S. 117).

Zwei Freun­din­nen, die sich jah­re­lang nicht gese­hen habe, tref­fen wie­der zusam­men, Ruth ist ver­hei­ra­tet, Haus­frau und hat drei Kin­der, Edda ist unver­hei­ra­tet, Leh­re­rin. Hier tref­fen sich zwei Frauen erneut, die ver­su­chen, mit ihrem Leben fer­tig zu wer­den, aber an der patri­ar­cha­li­schen Gesell­schaft scheitern.

Maxie Wan­der (1933-1977) ›Guten Mor­gen, du Schöne‹ (1977)

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Iro­nisch, rasant, modern | Autorin­nen der 1920er- und 1930er-Jahre | Quelle

»Nicht gegen die Män­ner kön­nen wir uns eman­zi­pie­ren, son­dern nur in der Aus­ein­an­der­set­zung mit ihnen.« (S. 7)

Maxie Wan­der hat Frauen inter­viewt, Schrift­stel­ler­kol­le­gin­nen, eine junge Buch­händ­le­rin, Nach­ba­rin­nen, die Ärz­tin in der Krebs­kli­nik, Freun­din­nen. Sie hat ihnen Fra­gen gestellt zu Lebens­vor­stel­lun­gen, Ängs­ten, Sexua­li­tät, Ent­täu­schun­gen und hat zu allen die­sen The­men Ant­wor­ten erhal­ten, die auch heute noch aktu­ell sind. Im Vor­wort betont sie, es geht »uns doch um die Los­lö­sung von den alten Geschlech­ter­rol­len, um die mensch­li­che Eman­zi­pa­tion über­haupt.« (S.7).

Diana Kempff (1945-2005) ›Fett­fleck‹ (1979)

»Etwas möchte ich nie wer­den: rei­zend und bezau­bernd. Damit man mich über­all vor­zei­gen kann. Mens sana in cor­pore scheiß­bums.« (S. 91)

Es han­delt sich um einen auto­bio­gra­fi­schen Roman, Diana lei­det unter einer vege­ta­ti­ven Dys­to­nie, also Fett­sucht, andere sagen: ›Fett­fleck‹. Sie wird gemobbt. Über­all ist sie allein. Auch als sie für län­gere Zeit eine Kli­nik im Schwarz­wald auf­su­chen soll, um gesund zu wer­den. »Bei mir ist alles gestört, hat der Dok­tor gesagt. Zu dem soll ich Onkel sagen. Ich­weiß­nich. Was ist denn alles gestört? Die Drü­sen. Des­we­gen bin ich so dick. Dünn soll ich wer­den. Wenn ich dünn bin, stör ich nicht mehr.« (S. 50). Der Roman ist ein ein­zi­ger Schmerzensschrei!

Damit die schrei­ben­den Frauen nicht ver­ges­sen wer­den: lesen!

Unterschrift
Mar­gret Hövermann-Mittelhaus

2024 rezensiert, AvivA Verlag, Iris Schürmann-Mock, Literaturgeschichte, vergessene Schriftstellerinnen