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Autor: Michael Mittelhaus

Lese­fut­ter – was ich im Dezem­ber 2022 ver­knus­pert habe

Lese­fut­ter – was ich im Dezem­ber 2022 ver­knus­pert habe …

Lesen ist ein Lebens­eli­xier, eine Lebens­phi­lo­so­phie, die sich jedes Jahr aus etwas über 100 Büchern nährt. Das alles zu rezen­sie­ren über­steigt meine Kräfte bei wei­tem. Völ­lig uner­wähnt sol­len sie aber nicht blei­ben und fortan kurz & knapp hier im Ber­li­ner Lite­ra­tur­blog »altmodisch:lesen« vor­ge­stellt wer­den. Also was gabs im Weih­nachts­mo­nat für Lesefutter?


Mein­rad Ing­lin, »Die Welt in Ingold­sau« aus dem Schwei­zer Lim­mat Ver­lag. Ein Buch, das ich als sehr, sehr schwei­ze­risch emp­fun­den habe, der Ver­lag eine Fund­grube der lite­ra­ri­schen Schweiz. Hier wird in stil­ler, aber ein­drucks­vol­ler Spra­che die ver­hee­rende Wir­kung reli­giö­sen Glau­bens vor allem auf das Auf­wach­sen jun­ger Men­schen in einer zen­tral­schwei­zer Klein­stadt gezeigt. Kein Wun­der, das der Ver­fas­ser Ing­lin sich vom Katho­li­zis­mus abge­wen­det hat.

garman

Zwei Bände des Nor­we­gers Alex­an­der Kiel­land (ver­glei­che), die lose zusam­men­hän­gen, waren höchst erfreu­lich: »Käptn Worse« sowie »Gar­man und Worse«. Beide dre­hen sich um das Gesche­hen in den rei­chen Han­dels­häu­ser West-Nor­we­gens im 19. Jahr­hun­dert; aus denen auch der Autor stammte. Im Ver­gleich zum fast zyni­schen »Jakob« kommt der »Käptn« eher betu­lich aus alter Zeit daher. Mit eini­gem pie­tis­tisch-grau­sa­men aber gut erzähl­tem Gesche­hen. Ein­drucks­vol­ler wirkt »Gar­man« mit sei­nen Frau­en­schick­sa­len und der sanf­ten aber mie­sen Unter­drü­cker­rolle der Kir­che; ver­bun­den mit sub­ti­ler Sozi­al­kri­tik. Beide Bände mit sehr infor­ma­ti­ven Nach­wor­ten ver­se­hen in den hüb­schen Aus­ga­ben der Die­te­richschen Ver­lags­buch­hand­lung zu Leip­zig, 1961. Beson­ders lesenswert.

Aus »Tem­pel­ho­fer Ein­bli­cke« von den Her­aus­ge­bern Mathias Hei­sig und Syl­via Wallec­zek habe ich über meine neue Hei­mat Ber­lin-Tem­pel­hof gelernt, welch ein­drucks­vol­les jüdi­sches Leben es ins­be­son­dere in unse­rem Mari­en­dor­fer Kiez gab – bevor es von den Faschis­ten in den KZs ver­nicht wurde. Neu war mir auch ein üppi­ges Natur­frei­bad nahe der Ull­stein­strasse, dazu über ein Lager für Dis­pla­ced Per­sons bis 1948, die »Flie­ger­sied­lung sowie die VHS in Tem­pel­hof: Edi­tion Ber­lin im Metro­pol Ver­lag. Frau­en­schick­sa­len und der sanf­ten aber mie­sen Unter­drü­cker­rolle der Kir­che; ver­bun­den mit sub­ti­ler Sozi­al­kri­tik. Beide Bände mit sehr infor­ma­ti­ven Nach­wor­ten ver­se­hen in den hüb­schen Aus­ga­ben der Die­te­richschen Ver­lags­buch­hand­lung zu Leip­zig, 1961. Beson­ders lesenswert.

Lite­ra­risch und auch inhalt­lich wesent­lich schwer­ge­wich­ti­ger sind »Die Geschwis­ter« von der so früh ver­stor­be­nen DDR Autorin Bri­gitte Rei­mann, erschie­nen im Auf­bau Ver­lag 1963. Es spielt 1961 und geht um die Frage, in der DDR blei­ben oder nicht? Es geht aber auch um Kunst­auf­fas­sung, wie man Kon­flikte aus­trägt, Leben zwi­schen Ost- und West. Eine junge Frau und ihr ver­zwei­fel­tes Rin­gen, den gelieb­ten Bru­der nicht durch »Repu­blik­flucht« zu ver­lie­ren. Die Rei­mann ist hier noch die junge unge­bro­chene, voll auf die Hof­fung »Sozia­lis­mus« set­zende Autorin. Ein Text, der mit sei­ner Spra­che, schon eine Vor­ah­nung auf die »Fran­ziska Lin­ker­hand« gibt – sehr lesenswert!

»In den Vor­gär­ten blüht Vol­taire« meint die zum Teil in Ber­lin lebende Kolum­nis­tin Pas­cal Hugues und ver­fasst in dem bei rororo erschie­ne­nen Band höchst unter­schied­lich zu gou­tie­rende Glos­sen über den Ber­li­ner All­tag. Ich hab es als typisch neo­li­be­rale Schreibe emp­fun­den, manch­mal nett, vie­les belang­los, man­ches nur ätzend. Ins­be­son­dere wenn Madame Hugues unab­sicht­lich nach­drück­lich ver­rät, dass sie zur schrump­fen­den Frak­tion der Auto­fah­rer in der Stadt gehört, die lei­der nicht ein­mal mer­ken, wie sie den ande­ren Stadt­be­woh­nern das Leben zur Hölle machen.

Makedonisch

Nicht so stark und den­noch wert dem Ver­ges­sen ent­ris­sen zu wer­den ist das »Make­do­ni­sches Duell« des eins­ti­gen Kom­bi­nats­di­rek­tors und spä­te­ren DDR-Erfolgs­au­tors Hasso Grab­ner. Der zeigt in einem span­nen­dem Plot wie sich 1967 (nach dem Mili­tär­putsch) eine grie­chi­sche Wider­stands­gruppe erfolg­reich gegen die wider­li­chen Geheim­dienst­me­tho­den eines Lock­spit­zels weh­ren kann. Ent­schei­dend ist dabei der Mut und die Klug­heit zweier weib­li­cher Patrio­tin­nen. Vom glei­chen Autor kommt »Geheim­sa­che Norsk Hydro«, wo wirk­lich packend die Geschichte erzählt wird, wie den Nazis das zur Her­stel­lung von Atom­waf­fen unab­ding­bare und ein­zig im besetz­ten Nor­we­gen pro­du­zierte »schwere Was­ser ent­ris­sen wird. In unter­halt­sa­mer Form an mutige Anti­fa­schis­ten zu erin­nern, ist ein spe­zi­el­ler Ver­dienst Grabners.

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Alex­an­der Kiel­land
» Käptn Worse
» Gar­man und Worse

garman

Zwei Bände des Nor­we­gers Alex­an­der Kiel­land (ver­glei­che), die lose zusam­men­hän­gen, waren höchst erfreu­lich: »Käptn Worse« sowie »Gar­man und Worse«. Beide dre­hen sich um das Gesche­hen in den rei­chen Han­dels­häu­ser West-Nor­we­gens im 19. Jahr­hun­dert; aus denen auch der Autor stammte. Im Ver­gleich zum fast zyni­schen »Jakob« kommt der »Käptn« eher betu­lich aus alter Zeit daher. Mit eini­gem pie­tis­tisch-grau­sa­men aber gut erzähl­tem Gesche­hen. Ein­drucks­vol­ler wirkt »Gar­man« mit sei­nen Frau­en­schick­sa­len und der sanf­ten aber mie­sen Unter­drü­cker­rolle der Kir­che; ver­bun­den mit sub­ti­ler Sozi­al­kri­tik. Beide Bände mit sehr infor­ma­ti­ven Nach­wor­ten ver­se­hen in den hüb­schen Aus­ga­ben der Die­te­richschen Ver­lags­buch­hand­lung zu Leip­zig, 1961. Beson­ders lesenswert.

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Mein­rad Ing­lin
» Die Welt in Ingoldsau

Mein­rad Ing­lin, »Die Welt in Ingold­sau« aus dem Schwei­zer Lim­mat Ver­lag. Ein Buch, das ich als sehr, sehr schwei­ze­risch emp­fun­den habe, der Ver­lag eine Fund­grube der lite­ra­ri­schen Schweiz. Hier wird in stil­ler, aber ein­drucks­vol­ler Spra­che die ver­hee­rende Wir­kung reli­giö­sen Glau­bens vor allem auf das Auf­wach­sen jun­ger Men­schen in einer zen­tral­schwei­zer Klein­stadt gezeigt. Kein Wun­der, das der Ver­fas­ser Ing­lin sich vom Katho­li­zis­mus abge­wen­det hat.

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Daniil Gra­nin
» Bahn­bre­cher

Des sowjet-russischen Autors Daniil Granin erster großer Roman, von einem Elektro-Ingenieur Andrej (das war Granin selbst von der Ausbildung), der gegen althergebrachten Trott, Besitzstandsdenken und die träge Bürokratie an seiner Idee festhielt. Auch aus diesem Roman spricht, warum Granin in den Achtzigern in der DDR so beliebt war.

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